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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


IV – Wissenschaftskritik">Wissenschaftstheorie IV – Wissenschaftskritik

Ich beschrän­ke mich auf die aus­führ­li­che und exem­pla­ri­sche Erläu­te­rung eines Modells, das aber wesent­li­che Aspek­te auch der Kri­tik an den Wis­sen­schaf­ten, ins­be­son­de­re an den mathe­ma­tisch gestütz­ten Natur­wis­sen­schaf­ten ent­hält, die als Pro­to­ty­pen des­sen, was „Wis­sen­schaft“ sei, ange­se­hen wer­den. Es geht um Posi­tio­nen der frü­hen „Kri­ti­schen Theo­rie“. Wenn Sie Zeit und Lust haben, kön­nen Sie im Blog mei­ne Dar­stel­lun­gen der phä­no­me­no­lo­gi­schen Wis­sen­schafts­kri­tik an der Posi­ti­on von Tho­mas Fuchs ver­fol­gen: http://alltagundphilosophie.com/2009/08/30/der-ansatz-von-thomas-fuchs/ ; http://alltagundphilosophie.com/2009/05/31/thomas-fuchs-kritik-an-bestimmten-vertretern-der-gehirnforschung-und-sein-eigener-entwurf/. In der frü­hen „Kri­ti­schen Theo­rie“ wer­den die wesent­li­chen Argu­men­te genannt. Das Vor­ge­hen von Max Hork­hei­mer und Theo­dor W. Ador­no lässt sich mit Grund­ein­sich­ten ver­bin­den, die in den bis­he­ri­gen Sit­zun­gen schon erar­bei­tet wor­den sind.

Die „Frank­fur­ter Schu­le“ bzw. die „Kri­ti­sche Theo­rie“ grup­pier­te sich vor 1933 und nach 1945 um das „Insti­tut für Sozi­al­for­schung“ an der Uni­ver­si­tät Frank­furt. Die füh­ren­den Intel­lek­tu­el­len Max Hork­hei­mer und Theo­dor Wie­sen­grund Ador­no erleb­ten im ame­ri­ka­ni­schen Exil kei­ne intel­lek­tu­el­le Inspi­ra­ti­on, son­dern ver­blie­ben in ihren deut­schen Tra­di­tio­nen. Die wich­tigs­te war die­je­ni­ge des frü­hen Marx, der die bür­ger­li­chen Idea­le hoch schätz­te, aber mar­kier­te, dass sie nur einer klei­nen Min­der­heit zugäng­lich waren und so die Arbei­ter ent­mensch­licht wür­den. Inso­fern war die frü­he Kri­ti­sche Theo­rie ein Wie­der­auf­le­ben der Hum­boldt-Schlei­er­ma­cher­schen Uni­ver­si­tät unter Berück­sich­ti­gung einer genaue­ren Ana­ly­se des Kapi­ta­lis­mus.

Dies ändert sich mit der Ein­sicht in den „indus­tri­ell“ betrie­be­nen Mas­sen­mord an den euro­päi­schen Juden. In der „Dia­lek­tik der Auf­klä­rung“ bre­chen Horkheimer/Adorno mit der Grund­fi­gur der Marx’schen Ideo­lo­gie­kri­tik. Die Tra­di­tio­nen des Bür­ger­tums kön­nen nicht mehr gegen ihre schlech­te Ver­wirk­li­chung aus­ge­spielt wer­den – sie sind selbst in Ausch­witz gegen­wär­tig. Wäh­rend Hork­hei­mer sich theo­re­tisch spä­ter eher skep­tisch gab, hoff­te Ador­no, dass avant­gar­dis­ti­sche Kunst­er­fah­run­gen zumin­dest etwas von dem bewah­ren, wor­auf es ange­kom­men wäre. Aber es bleibt dabei: „Das Gan­ze ist das Unwah­re“, „Es gibt kein rich­ti­ges Leben im fal­schen“.

Dialektik der Aufklärung“

Die „Dia­lek­tik der Auf­klä­rung“ ver­sucht schon mit ihrem Titel zu bezeich­nen, dass „Auf­klä­rung“ nicht etwas Ein­deu­ti­ges ist. Es steckt ein Wider­spruch in der „Auf­klä­rung“. Sie gibt vor, etwas Dif­fu­ses, Dunk­les hin­ter sich gelas­sen zu haben, sodass sich nun alles „auf­klärt“. Man sieht klar, wo zuvor nicht klar, son­dern undeut­lich, unsi­cher gese­hen wur­de. Zuvor hat­te man im Dun­keln, im Dif­fu­sen, im „Mythos“ gelebt und „gese­hen“. Man konn­te sich aber nur schein­bar vom „Mythos“ lösen. Die­ser tritt heim­lich, unbe­wusst wie­der im „auf­ge­klär­ten“ Den­ken auf.

Bevor wir uns der kon­kre­ten Argu­men­ta­ti­on in der „Dia­lek­tik der Auf­klä­rung“ zuwen­den, die die­se The­se begrün­den soll, müs­sen wir erst fest­stel­len, um wel­che Art von gedank­li­chem Mus­ter es sich hier han­delt. Wie die Auto­ren natür­lich wis­sen, hat sich die­ses Mus­ter schon in der Anti­ke aus­ge­bil­det. Man erklär­te das­je­ni­ge, von dem man nicht über­zeugt war, es sol­le zur eige­nen Lebens­form gehö­ren, zum „Mythos“. „Mythos“ ist in der Regel in der Grie­chisch spre­chen­den Anti­ke das­je­ni­ge, was wir nicht, dafür aber ande­re mei­nen. Eine beson­de­re Nähe hat­ten die „Mythen“ zu den von Hesi­od und Homer gesam­mel­ten und ver­ar­bei­te­ten Sto­ries. Die­se erzäh­len von sich selbst her kei­ne Wahr­hei­ten, kei­ne Ver­nunft, son­dern sind eben „Mythen“. Aus der Per­spek­ti­ve der Ver­nunft kön­nen aber his­to­ri­sche oder sitt­li­che Wahr­hei­ten in ihnen ent­deckt wer­den, wenn man die „Mythen“ gegen ihre eige­ne Inten­ti­on aus­legt. So kön­nen schon in der Anti­ke bei­spiels­wei­se „Ver­nunft“ und „Geschich­te“ als Gegen­be­grif­fe zu „Mythos“, näm­lich als „Logos“ fun­gie­ren: Wenn etwas „ver­nünf­tig“ ist, ist es nicht „mythisch“, es fällt unter „Logos“ – und umge­kehrt. Wie frei­lich die alle­go­ri­sche Aus­le­gung der „Mythen“ auf his­to­ri­sche und als „ver­nünf­tig“ ange­se­he­ne Sach­ver­hal­te hin zeigt, war man sich des stren­gen Gegen­sat­zes nicht völ­lig sicher. So gehör­te es auch zur rhe­to­ri­schen Aus­bil­dung immer ein paar „Mythen“ als gute Bei­spie­le für induk­ti­ve Argu­men­ta­tio­nen bereit­zu­hal­ten.

Seit der Wie­der­ent­de­ckung der Anti­ke im Huma­nis­mus und stär­ker noch in der Roman­tik wird der Mythos“/„Logos“-Diskurs um eine Facet­te berei­chert. Nun ent­deckt man nicht nur im „Mythos“ gele­gent­lich auch ein wenig oder auch mehr „Logos“, son­dern man beob­ach­tet im „Logos“ selbst zumin­dest kri­tik­wür­di­ge Punk­te, Ver­ein­sei­ti­gun­gen usf., sodass der kri­ti­sier­te „Mythos“ viel­leicht doch nicht ganz so schlecht war, wie man geglaubt hat­te. Horkheimer/Adorno radi­ka­li­sie­ren nun ins­be­son­de­re die roman­ti­sche Vari­an­te des „Mythos“-Logos“-Diskurses, indem sie nicht nur behaup­ten, dass im „Mythos“ auch ein wenig oder gar viel „Logos“ steckt, son­dern sie unter­stel­len, der „Logos“ der „Auf­klä­rung“, die hel­le, auf­klä­re­ri­sche Ver­nunft sei selbst vom „Mythos“ ver­dun­kelt bzw. geblen­det.

(S)chon der Mythos ist Auf­klä­rung, und: Auf­klä­rung schlägt in Mytho­lo­gie zurück. (Dia­lek­tik der Auf­klä­rung, 10).

Es war daher eine Täu­schung, wenn man glaub­te, den „Mythos“ zu kri­ti­sie­ren und hin­ter sich zu las­sen. Tat­säch­lich hat­te einen der „Mythos“ unbe­merkt im Griff behal­ten. Dabei spit­zen Horkheimer/Adorno die­sen Zusam­men­hang auf die Macht­pro­ble­ma­tik zu. Seit Fran­cis Bacon gel­te: „Macht und Erkennt­nis sind syn­onym“ (Dia­lek­tik der Auf­klä­rung, 15). Gemeint ist, dass „Macht-“ und „Gel­tungs­an­sprü­che“ fak­tisch ein und das­sel­be sind.

Damit brin­gen Horkheimer/Adorno auf den Begriff, dass vie­len Kon­zep­tio­nen seit der Auf­klä­rung die Idee zugrun­de liegt, wir sei­en durch ratio­na­le Durch­drin­gung der Natur und der Gesell­schaft in der Lage, uns die Natur dienst­bar zu machen und die Gesell­schaft geplan­ter zu steu­ern. Die­ser an sich offen zu Tage lie­gen­de Sach­ver­halt wird aber von Horkheimer/Adorno nun nega­tiv gewer­tet: Es las­se sich zei­gen, dass der Grund­zug der Auf­klä­rung auf dem Motiv der Selbst­er­hal­tung beru­he:

Wer unmit­tel­bar, ohne ratio­na­le Bezie­hung auf Selbst­er­hal­tung dem Leben sich über­lässt, fällt nach dem Urteil von Auf­klä­rung wie Pro­tes­tan­tis­mus ins Vor­ge­schicht­li­che zurück. Der Trieb als sol­cher sei mythisch wie der Aber­glau­be; dem Gott die­nen, den das Selbst nicht pos­tu­liert, irr­sin­nig wie die Trunk­sucht. Bei­den hat der Fort­schritt das­sel­be Schick­sal berei­tet: der Anbe­tung und dem Ver­sin­ken ins unmit­tel­bar natür­li­che Sein; er hat den Selbst­ver­ges­se­nen des Gedan­kens wie den der Lust mit Fluch belegt. Ver­mit­telt durchs Prin­zip des Selbst ist die gesell­schaft­li­che Arbeit jedes Ein­zel­nen in der bür­ger­li­chen Wirt­schaft; sie soll den einen das ver­mehr­te Kapi­tal, den ande­ren die Kraft zur Mehr­ar­beit zurück­ge­ben. Je wei­ter aber der Pro­zess der Selbst­er­hal­tung durch bür­ger­li­che Arbeits­tei­lung geleis­tet wird, umso mehr erzwingt er die Selbstent­äu­ße­rung der Indi­vi­du­en, die sich an Leib und See­le nach der tech­ni­schen Appa­ra­tur zu for­men haben. (Dia­lek­tik der Auf­klä­rung, 42f)

Die­se The­se ist natür­lich nicht ganz neu. Der Hin­weis auf den „Pro­tes­tan­tis­mus“ führt zu Max Webers Anschau­ung von der auf­klä­re­risch „ent­zau­ber­ten“ Welt. Die Welt wird ratio­nal erklär­bar und ent­spre­chend nutz­bar. Weber woll­te erklä­ren, wie der auf­grund der vor­he­ri­gen Geschich­te eher unwahr­schein­li­che Kapi­ta­lis­mus mit sei­ner umfas­sen­den Arbeits­ge­sell­schaft eigent­lich ent­ste­hen konn­te. Der Zünd­fun­ken liegt in der cal­vi­nis­ti­schen Vari­an­te des Pro­tes­tan­tis­mus, der mit einer fun­da­men­ta­len Erwäh­lungs- und Heils­un­si­cher­heit arbei­tet. Gleich­wohl gibt es eini­ger­ma­ßen zuver­läs­si­ge Zei­chen der Erwäh­lung, sie bestehen in gro­ßer Kin­der­zahl und wirt­schaft­li­chem Erfolg. Wen der Herr zeit­lich so seg­net, den wird er wohl auch ewig zu sich neh­men. Der wirt­schaft­lich zu errei­chen­de Erfolg ist daher reli­gi­ös moti­viert. Es ging den Cal­vi­nis­ten und ihren puri­ta­ni­schen Brü­dern kei­nes­wegs dar­um, den Sinn des Lebens im Wirt­schaf­ten zu fin­den. Doch die Geschich­te ist auch nach Max Weber zufol­ge heim­tü­ckisch-dia­lek­tisch. Ist eine der­ar­ti­ge geschicht­li­che Form erst ein­mal in der Welt, dann kann sie sich von ihrer ursprüng­li­chen Moti­va­ti­on lösen und bleibt als sozia­les Mus­ter bestehen. Auf die­se Wei­se erklärt Weber das Ent­ste­hen des Kapi­ta­lis­mus, der eine vor­her nicht gekann­te Dis­zi­plin und Arbeits­auf­fas­sung vor­aus­setzt. Sie begeg­net uns heu­te als Zwang, aber das war ursprüng­lich anders: „Der Puri­ta­ner woll­te Berufs­mensch sein, wir müs­sen es sein.“ Aus einer reli­giö­sen Moti­va­ti­on eini­ger wird also ein uni­ver­sa­ler Zwang für alle. An die­sen Gedan­ken knüp­fen Horkheimer/Adorno in der zitier­ten Stel­le an. Alles undis­zi­pli­nier­te Trieb­le­ben und jede blo­ße Selbst­ver­ges­sen­heit soll­te aus­ge­schlos­sen sein, zumin­dest muss die­se aber mar­gi­na­li­siert wer­den. Denn das Prin­zip des auf­ge­klär­ten Abend­lands ist in allen Facet­ten die Selbst­er­hal­tung:

Durch die unge­zähl­ten Agen­tu­ren der Mas­sen­pro­duk­ti­on und ihrer Kul­tur wer­den die genorm­ten Ver­hal­tens­wei­sen des Ein­zel­nen als die allein natür­li­chen, anstän­di­gen, ver­nünf­ti­gen auf­ge­prägt. Er bestimmt sich nur noch als Sache, als sta­tis­ti­sches Ele­ment, als suc­cess or fail­u­re. Sein Maß­stab ist die Selbst­er­hal­tung, die gelun­ge­ne oder miss­lun­ge­ne Anglei­chung an die Objek­ti­vi­tät sei­ner Funk­ti­on und die Mus­ter, die mit ihr gesetzt sind. Alles ande­re, Idee und Kri­mi­na­li­tät, erfährt die Kraft des Kol­lek­tivs, das von der Schul­klas­se bis zur Gewerk­schaft auf­passt. (Dia­lek­tik der Auf­klä­rung, 41)

Die Domi­nanz von Mathe­ma­tik und Logik bzw. mathe­ma­ti­scher Logik in den Wis­sen­schaf­ten lässt sich eben­falls so erklä­ren:

Natur ist, vor und nach der Quan­ten­theo­rie, das mathe­ma­tisch zu erfas­sen­de; selbst was nicht ein­geht, Unauf­lös­lich­keit und Irra­tio­na­li­tät, wird von mathe­ma­ti­schen Theo­re­men umstellt. In der vor­weg­neh­men­den Iden­ti­fi­ka­ti­on der zu Ende gedach­ten mathe­ma­ti­sier­ten Welt mit der Wahr­heit meint Auf­klä­rung vor der Rück­kehr des Mythi­schen sicher zu sein. Sie setzt Den­ken und Mathe­ma­tik in eins. (Dia­lek­tik der Auf­klä­rung, 37)

Durch die mathe­ma­ti­sche Prä­zi­si­on wird der Schein erzeugt, dass die Natur total erfass­bar und beherrsch­bar, dem Prin­zip der Selbst­er­hal­tung also voll­stän­dig zugäng­lich sei. Hin­ter der Selbst­er­hal­tung wird daher ein tie­fe­res Moment sicht­bar, das klas­sisch aus­ge­drückt zu den „Lei­den­schaf­ten“ gehört. Die Auf­klä­rung ver­sucht die Selbst­er­hal­tung so durch­zu­set­zen wie sie es tut, damit wir uns nicht mehr vor der Natur und ihrer Unbe­re­chen­bar­keit fürch­ten müs­sen. Die Furcht ist daher das zen­tra­le Motiv, das den Selbst­er­hal­tungs­trieb antreibt. Dar­aus ent­steht die kapi­ta­lis­ti­sche Arbeits­ge­sell­schaft:

Mit der Aus­brei­tung der bür­ger­li­chen Waren­wirt­schaft wird der dunk­le Hori­zont des Mythos von der Son­ne der kal­ku­lie­ren­den Ver­nunft auf­ge­hellt, unter deren eisi­gen Strah­len die Saat der neu­en Bar­ba­rei her­an­reift. Unter dem Zwang der Herr­schaft hat die mensch­li­che Arbeit seit je vom Mythos weg­ge­führt, in des­sen Bann­kreis sie unter der Herr­schaft stets wie­der geriet. (Dia­lek­tik der Auf­klä­rung, 45f)

Die­se The­sen ver­su­chen sie durch eine aus­führ­li­che Stu­die der „Odys­see“ des Homer zu bele­gen. Dabei hat es ihnen beson­ders die Sze­ne der Enge von Skyl­la und Cha­ryb­dis ange­tan, in der Sire­nen ver­lo­ckend sin­gen und Odys­seus mit sei­nem Schiff ins Ver­der­ben zu locken ver­su­chen. Die­ser Gesang hat Horkheimer/Adorno zufol­ge eine mythi­sche Tie­fen­struk­tur:

Solan­ge Kunst dar­auf ver­zich­tet, als Erkennt­nis zu gel­ten, und sich dadurch von der Pra­xis abschließt, wird sie von der gesell­schaft­li­chen Pra­xis tole­riert wie die Lust. Der Gesang der Sire­nen aber ist noch nicht zur Kunst ent­mäch­tigt. Sie wis­sen „alles, was irgend geschah auf der viel ernäh­ren­den Erde“, zumal wor­an Odys­seus selbst teil­hat­te, „wie viel in den Ebe­nen Tro­jas Argos’ Söhn’ und die Tro­er vom Rat der Göt­ter gedul­det“. Indem sie jüngst Ver­gan­ge­nes unmit­tel­bar beschwö­ren, bedro­hen sie mit dem unwi­der­steh­li­chen Ver­spre­chen von Lust, als wel­ches ihr Gesang ver­nom­men wird, die patri­ar­cha­le Ord­nung, die das Leben eines jeden nur gegen sein vol­les Maß an Zeit zurück­gibt. Wer ihrem Gau­kel­spiel folgt, ver­dirbt, wo ein­zig immer­wäh­ren­de Geis­tes­ge­gen­wart der Natur die Exis­tenz abtrotzt. Wenn die Sire­nen von allem wis­sen, was geschah, so for­dern sie die Zukunft als Preis dafür, und die Ver­hei­ßung der fro­hen Rück­kehr ist der Trug, mit dem das Ver­gan­ge­ne den Sehn­süch­ti­gen ein­fängt. (Dia­lek­tik der Auf­klä­rung, 46f)

Odys­seus durch­schaut die Lockung und erkennt die Gefahr. So ver­stopft er sei­nen Gefähr­ten die Ohren mit Wachs, sie müs­sen rudern. Er selbst ist am Mast fest­ge­bun­den und lässt sich immer stär­ker bin­den, je ver­lo­cken­der der Gesang wird. Für Horkheimer/Adorno ist klar, was dies bedeu­ten soll:

Das Gehör­te bleibt für ihn fol­gen­los, nur mit dem Haupt ver­mag er zu win­ken, ihn los­zu­bin­den, aber es ist zu spät, die Gefähr­ten, die selbst nicht hören, wis­sen nur von der Gefahr des Lieds, nicht von sei­ner Schön­heit, und las­sen ihn am Mast, um ihn und sich zu ret­ten. Sie repro­du­zie­ren das Leben des Unter­drü­ckers [Odys­seus ist ade­li­ger Grund­herr] in eins mit dem eige­nen, und jener ver­mag nicht mehr aus sei­ner gesell­schaft­li­chen Rol­le her­aus­zu­tre­ten. Die Ban­de, mit denen er sich unwi­der­ruf­lich an die Pra­xis gefes­selt hat, hal­ten zugleich die Sire­nen aus der Pra­xis fern: ihre Lockung wird zum blo­ßen Gegen­stand der Kon­tem­pla­ti­on neu­tra­li­siert, zur Kunst. Der Gefes­sel­te wohnt einem Kon­zert bei, reg­los lau­schend wie spä­ter die Kon­zert­be­su­cher, und sein begeis­ter­ter Ruf nach Befrei­ung ver­hallt schon als Applaus. So tre­ten Kunst­ge­nuss und Hand­ar­beit im Abschied von der Vor­welt aus­ein­an­der. Das Epos ent­hält bereits die rich­ti­ge Theo­rie. Das Kul­tur­gut steht zur kom­man­dier­ten Arbeit in genau­er Kor­re­la­ti­on, und bei­de grün­den im unent­rinn­ba­ren Zwang zur gesell­schaft­li­chen Herr­schaft über die Natur. (Dia­lek­tik der Auf­klä­rung, 48)

Die­se Dia­gno­se ist hart. In der Odys­see steckt alle­go­risch aus­ge­drückt, die „Dia­lek­tik der Auf­klä­rung“. Die Abwen­dung von der mythi­schen Vor­welt, die durch die Sire­nen und ihren erkennt­nis­star­ken Gesang reprä­sen­tiert wer­den, erfolgt durch Selbst­er­hal­tung, die auf Herr­schaft setzt. Dabei ent­ste­hen zwar unter­schied­li­che gesell­schaft­li­che Sphä­ren wie Wis­sen­schaft, Kunst, Poli­tik und Wirt­schaft. Doch alle fol­gen ihrem Ursprung in der Selbst­er­hal­tung, „im unent­rinn­ba­ren Zwang zur gesell­schaft­li­chen Herr­schaft über die Natur“.

Dies lässt sich noch durch einen Blick nach „innen“ bezo­gen auf die ein­zel­ne Sub­jek­ti­vi­tät ver­stär­ken. Die Odys­see gilt den bei­den Auto­ren als „Urge­schich­te der Sub­jek­ti­vi­tät, die der Vor­welt ent­rinnt“ (vgl. Dia­lek­tik der Auf­klä­rung, 96f). Sie brin­gen die Lis­ten des Odys­seus, hier­in den auf­klä­re­ri­schen Reli­gi­ons­theo­ri­en fol­gend, mit dem Opfer zusam­men. Den Auf­klä­rern galt das Opfer als eine Form des lis­ten­rei­chen Betrugs der Göt­ter. So kann auch die gelun­ge­ne Durch­fahrt trotz Gesangs der Sire­nen als Opfer ver­stan­den wer­den. Das Opfer stellt stets eine Gabe an die Gott­heit oder eine ent­spre­chen­de Grö­ße dar, um das Schick­sal oder die Ver­schul­dung zu wen­den, indem die Gott­heit etwas erhält. So „opfert“ Odys­seus sei­ne lei­den­schaft­li­che Hin­ge­bung an den Gesang, sei­ne Trieb­steue­rung und bil­det ein star­res, „gefes­sel­tes“ Kon­zept der eige­nen Iden­ti­tät aus:

Das iden­tisch behar­ren­de Selbst, das in der Über­win­dung des Opfers ent­springt, ist unmit­tel­bar doch wie­der ein har­tes, stei­nern fest­ge­hal­te­nes Opfer­ri­tu­al, das der Mensch, indem er dem Natur­zu­sam­men­hang sein Bewusst­sein ent­ge­gen­setzt, sich sel­ber zele­briert. (Dia­lek­tik der Auf­klä­rung, 70)

Horkheimer/Adorno brin­gen das mit der Psy­cho­ana­ly­se Sig­mund Freuds zusam­men und behaup­ten, dass der Preis der Ent­sa­gung in der unter­bro­che­nen Kom­mu­ni­ka­ti­on des so genann­ten „Ich“ mit sei­ner eige­nen als so genann­tes „Es“ anonym gewor­de­nen Natur besteht. Das „Opfer“ wur­de psy­chisch-struk­tu­rell ver­in­ner­licht.

Die durch die Auf­klä­rung eta­blier­te Herr­schaft hat also eine dop­pel­te Gestalt:

(1)   In der Abwehr des „Mythos“ setzt sich der „Mythos“ in der „Auf­klä­rung“ erneut durch, indem Herr­schaft auf­ge­baut wird.

(2)   Die­se Herr­schaft rich­tet sich vor dem Hin­ter­grund der Furcht als Selbst­er­hal­tungs­in­ter­es­se gegen die „Natur“ – sowohl gegen die inne­re als auch gegen die äuße­re Natur.

Die fak­ti­sche Behaup­tung, dass Wahr­heits- und Wis­sens­an­sprü­che, aber auch sitt­li­che Kon­zep­tio­nen wie das Tötungs­ver­bot nicht nur empi­ri­sche und logi­sche Gel­tung bean­spru­chen, son­dern stets auch Selbst­be­haup­tungs­ver­su­che im Sin­ne der Macht- und Herr­schafts­ori­en­tie­rung sind, wirft natür­lich phi­lo­so­phi­sche Fra­gen auf.

Die harm­lo­ses­te ist die his­to­ri­sche Fra­ge: Wie lässt sich dies phi­lo­so­phie­ge­schicht­lich erklä­ren? Dar­auf lau­tet die Ant­wort: Der frü­he Marx wird als wesent­li­cher Theo­re­ti­ker zuguns­ten Fried­rich Nietz­sches zurück­ge­setzt. Dane­ben wer­den die dunk­len Kon­se­quen­zen der Auf­klä­rung im Werk des Mar­quis de Sade aus­ge­leuch­tet. Das heißt natür­lich vor allem, dass Wis­sen­schaft, Logik und Sitt­lich­keit Selbst­be­haup­tungs­ver­su­che und Herr­schaftsat­ti­tü­den sind, also kei­nes­wegs das, was sie zu sein vor­ge­ben.

Erheb­lich schwie­ri­ger ist die zwei­te Fra­ge: Lässt sich die Posi­ti­on in der „Dia­lek­tik der Auf­klä­rung“ über­haupt begrün­den – oder muss man ihr empha­tisch glau­ben bzw. sie empha­tisch ver­wer­fen? Bei­de Reak­ti­ons­wei­sen sind häu­fig zu beob­ach­ten. Horkheimer/Adorno gehen selbst zur Begrün­dung so vor, dass sie bestimm­te mar­kan­te Bei­spie­le ana­ly­sie­ren und die­se dann induk­tiv ver­all­ge­mei­nern, indem sie die aus den Bei­spie­len erho­be­ne Regel als all­ge­mei­ne unter­stel­len – wobei sie frei­lich fak­tisch deduk­ti­ve Schluss­fol­ge­run­gen aus den Bei­spie­len zie­hen (z. B. dem 12. Gesang der Odys­see). Die­ses Vor­ge­hen wirft natür­lich die übli­che Zir­ku­la­ri­täts­fra­ge auf: Wie kann ich sicher sein, dass mei­ne Behaup­tung nun doch dem Selbst­be­haup­tungs­zwang ent­ron­nen ist, indem ich die­sen selbst in der Auf­klä­rung fest­stel­le?

Es bezeich­net das Niveau von Horkheimer/Adorno, dass sie sich der Para­do­xie ihrer Auf­klä­rungs­kri­tik, die aber doch bes­se­re Auf­klä­rung sein will, bewusst sind. Sie resi­gnie­ren vor der Mög­lich­keit oder dem Ver­such, dies erneut theo­re­tisch ein­zu­ho­len. Es bleibt ihnen nur die blo­ße Ver­wei­ge­rung, die sie mit einem Aus­druck Hegels als „bestimm­te Nega­ti­on“ bezeich­nen:

Die bestimm­te Nega­ti­on ver­wirft die unvoll­kom­me­nen Vor­stel­lun­gen des Abso­lu­ten, die Göt­zen, nicht wie der Rigo­ris­mus, indem sie ihnen die Idee ent­ge­gen­hält, der sie nicht genü­gen kön­nen. Dia­lek­tik offen­bart viel­mehr jedes Bild als Schrift. Sie lehrt aus sei­nen Zügen das Ein­ge­ständ­nis sei­ner Falsch­heit lesen, das ihm sei­ne Macht ent­reißt und sie der Wahr­heit zueig­net. (Dia­lek­tik der Auf­klä­rung, 36)

Horkheimer/Adorno asso­zi­ie­ren die bestimm­te Nega­ti­on mit dem jüdisch-christ­li­chen Bil­der­ver­bot. Jedes Bild Got­tes, das man anbe­te­te und ver­ehr­te, wäre falsch. Und so ist die „Kri­ti­sche Theo­rie“ seit der „Dia­lek­tik der Auf­klä­rung“ auf die Kri­tik abso­lu­ter und theo­re­tisch voll­kom­me­ner Bil­der geschrumpft. Einen eige­nen Ent­wurf muss man sich ver­sa­gen. Statt­des­sen appel­liert man an das kri­ti­sche Poten­zi­al eines reli­giö­sen Bil­des oder Sym­bols und übt sich in der Tugend theo­re­ti­scher Ver­wei­ge­rung: Eine posi­ti­ve Theo­rie kann nicht mehr ent­wor­fen wer­den.

Lit.: Max Horkheimer/Theodor W. Ador­no, Dia­lek­tik der Auf­klä­rung, Ams­ter­dam 1947; Jür­gen Haber­mas, Der phi­lo­so­phi­sche Dis­kurs der Moder­ne, 130ff.

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Info:
Wissenschaftstheorie IV – Wissenschaftskritik ist Beitrag Nr. 1830
Autor:
Martin Pöttner am 7. August 2010 um 15:56
Category:
Allgemein,Homo oeconomicus,Psyche,Quantenphysik,Was ist Philosophie?
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