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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


III">Wis­sen­schafts­theo­rie III

1               Eini­ge offe­ne Erin­ne­rungs­punk­te

Zur Fra­ge des radi­ka­len Kon­struk­ti­vis­mus stel­le ich ger­ne den Text des Kol­le­gen Peter Lam­pe zur Ver­fü­gung, weil die­ser sehr klar reflek­tiert ist:

Die Dop­pel­struk­tur, dass das ontisch-rea­le Gehirn zwei sich wider­spre­chen­de Kon­struk­te gene­riert, ein all­tags­wirk­li­ches und ein natur­wis­sen­schaft­li­ches, erkann­ten wir bereits … Einer­seits kon­stru­iert das ontisch-rea­le Gehirn auf­grund eines bestimm­ten (mir unzugäng­li­chen) Rei­zes aus der onti­schen Rea­li­tät die Farb­wahr­neh­mung Rot, ande­rer­seits ent­wirft es das natur­wis­sen­schaft­li­che Bild, dass die­ser Umwelt­reiz farb­los ist und ledig­lich aus einer bestimm­ten (mir zugäng­li­chen, in Nano­me­tern bezif­fer­ba­ren Fre­quenz) elek­tro­ma­gne­ti­scher Wel­len besteht. “Rot” ver­hält sich zu “eine elek­tro­ma­gne­ti­sche Wel­len­fre­quenz um 700 Nano­me­ter reizt den (wirk­li­chen) visu­el­len Appa­rat, Rot wahr­zu­neh­men”, wie “Mein Ich ist Autor des moto­ri­schen Tuns” sich ver­hält zu “Ein ‘readi­ness poten­ti­al’ des wirk­li­chen Gehirns setzt mein Tun in Gang”. Je wider­spricht das eine Bild­kon­strukt dem ande­ren. (Peter Lam­pe, Die Wirk­lich­keit als Bild, 2006, 59)

U. a. hier­durch ist mein Urteil über die grund­sätz­lich posi­ti­vis­ti­sche Natur des radi­ka­len Kon­struk­ti­vis­mus geprägt, dies lässt sich leicht im Ver­hält­nis zu dem zu Peirce und Dew­ey schon Gesag­ten nach­voll­zie­hen. Die Auf­ga­be eines Kur­ses kann aber nur sein, Anre­gun­gen und Quel­len zum eige­nen Urteil zu geben. Im Prag­ma­tis­mus gibt es der­ar­ti­ge Auf­fas­sun­gen nicht, wohl aber im Posi­ti­vis­mus, etwa bei Pop­pers Schü­ler Fey­er­a­bend. Das ist auch kein Geheim­nis, nur dass die Posi­ti­vis­ten nicht so vom Gehirn gespro­chen haben, liegt auf der Hand. Ansons­ten besteht der Glau­be an die sinn­li­che Evi­denz genau­so, aller­dings bleibt die­se apo­re­tisch. Denn das Gehirn „kon­stru­iert“ eben wider­sprüch­lich.

Die Prag­ma­tis­ten sind kei­ne Posi­ti­vis­ten, das müs­sen wir in der kom­men­den Sit­zung noch näher ver­ste­hen. Daher gibt es min­des­tens zwei Typen der Wis­sen­schafts­theo­rie. M. E. sogar nur die­se bei­den …

Zum Ver­ständ­nis des Aus­drucks „Prag­ma­tis­mus“. Es ist bes­ser, die gewöhn­li­che Ver­wen­dung, dass man mit etwas „prag­ma­tisch“ umgeht, nicht als Leit­idee als Hin­ter­grund des Ver­ste­hens zu ver­wen­den. Wesent­lich ist, dass die Prag­ma­tis­ten die Rea­li­tät als Pro­zess ein­stu­fen, in den wis­sen­schaft­li­ches Erken­nen prak­tisch ein­greift und dann auch auf die Zukunft bezo­gen ein Ver­än­de­rungs­po­ten­zi­al ent­fal­tet. Wie Peirce sehr häu­fig, aber auch Dew­ey betont haben, ist die­se Idee nicht genu­in „ame­ri­ka­nisch“. Sie fin­det sich im Wesent­li­chen wohl schon bei Aris­to­te­les zumin­dest in sei­nen gesell­schafts­be­zo­ge­nen Schrif­ten ange­deu­tet oder gar aus­ge­führt. Sie liegt sicher auch der „Kri­tik der prak­ti­schen Ver­nunft“ Kants zugrun­de, im Kern aber auch schon der „Kri­tik der rei­nen Ver­nunft“. Denn die Gren­zen der Ver­nunft, die dort gezo­gen wer­den, sind jeden­falls auch sol­che prak­ti­scher Art. Dass dabei Ver­ant­wort­lich­keit für das eige­ne wis­sen­schaft­li­che Tun aus­ge­schlos­sen sei und die­se nur eine Fra­ge der „Umset­zung“ sei, ist eine Idee der Positivist/inn/en. Sie fin­det sich am Ende des 19. Jahr­hun­dert inter­es­san­ter­wei­se auch im Neu­kan­tia­nis­mus. Die­se Auf­fas­sung ist logisch unhalt­bar, wenn dabei unter­stellt wird, dies lie­ße sich sozu­sa­gen „wis­sen­schaft­lich“ oder „logisch“ ablei­ten. Wis­sen­schaft­li­che Ver­fah­rens­wei­sen zu befol­gen oder „logisch“ zu den­ken, ist stets eine Auf­for­de­rung, wie die Tex­te von Weber und Pop­per schon in ihrer sprach­li­chen und logi­schen Form zwin­gend zei­gen. Peirce hat­te das ent­spre­chend notiert und daher die Ethik als obers­te nor­ma­ti­ve Wis­sen­schaft ange­se­hen, wel­cher auch die Logik als Theo­rie des kon­trol­lier­ten Den­kens unter­ge­ord­net sei.

Die Positivist/inn/en unter­stel­len also, dass es eine sinn­li­che Evi­denz gäbe, auf der sich dann wis­sen­schaft­li­che Theo­ri­en durch logisch kor­rek­te Kom­bi­na­ti­on auf­bau­en lie­ßen. Witt­gen­stein hat das inso­fern prä­zi­siert, dass tat­säch­lich die sinn­li­che Wahr­neh­mung durch die Spra­che domi­niert sei, mit­hin ließ sich ihm zufol­ge das posi­ti­vis­ti­sche Pro­gramm nur dann auf­recht­erhal­ten, wenn die Spra­che im Aus­sa­ge­satz, der Pro­po­si­ti­on ein Bild der sinn­li­chen Wahr­neh­mung von Ein­zel­sach­ver­hal­ten dar­stel­le. Dass dann alle wich­ti­gen The­men weg­fal­len, weil so nur die „Natur­wis­sen­schaf­ten“ vor­ge­hen könn­ten, führt zum Pos­tu­lat einer indi­vi­du­el­len mys­ti­schen Erfah­rung, in der die Fra­ge nach dem Lebens­sinn schwei­gend beant­wor­tet wer­de.

Pop­per ist schon bei Prü­fun­gen eines Dok­to­ran­den gegen die­se Posi­ti­on als Zweit­prü­fer ange­rannt, konn­te sich aber nicht durch­set­zen und war phi­lo­so­phisch weit­ge­hend iso­liert. Daher unter­stell­te er auch öffent­lich, sei­ne eige­ne Fal­si­fi­ka­ti­ons­theo­rie sei nicht posi­ti­vis­tisch, ein rhe­to­ri­scher Ver­such, der aber kei­ner kri­ti­schen Nach­prü­fung Stich hält. Pop­per bezwei­felt nach­hal­tig, dass die induk­ti­ve Ver­all­ge­mei­ne­rung von Sin­nes­er­fah­run­gen in den Natur­wis­sen­schaf­ten, Geschichts­wis­sen­schaf­ten, Sozi­al­wis­sen­schaf­ten usf. halt­bar sei. Es han­delt sich um eine „Kata­stro­phen­theo­rie der Erkennt­nis“, wie es Frank Mie­ge for­mu­liert hat. Dabei über­nimmt er ent­we­der ohne Kennt­lich­ma­chung bestimm­te Ein­sich­ten von Peirce’ Quan­to­ren­lo­gik, die gezeigt hat­te, dass eine durch „alle“ oder „eini­ge“ bestimm­te Aus­sa­ge prak­tisch zu inter­pre­tie­ren sei – und ver­kürzt sie fal­si­fi­ka­tio­risch. Oder er hat das wirk­lich auf­grund der Lek­tü­re der „Princi­pia Mathe­ma­ti­ca“ von Rus­sell und Whitehead selbst ent­wor­fen. Im ers­ten Fall wäre das für die Repu­ta­ti­on von Pop­per betrüb­lich, im zwei­ten leicht kri­ti­sier­bar. An sich war Pop­pers Punkt also schon gut sech­zig Jah­re bekannt. Die Ele­ganz von Peirce’ Quan­to­ren­lo­gik besteht dar­in, dass ich jeden ein­zel­nen Fall einer Men­ge oder eines Bereichs, über den Aus­sa­gen gemacht wer­den, unter­su­chen muss. Mit Fal­si­fi­ka­tio­nis­mus aber hat die Quan­to­ren­lo­gik an sich eher nichts zu tun. Und Peirce war in die­sem Sinn erheb­lich weni­ger auf­ge­regt als Pop­per.

Bert­rand Rus­sell hat den Haupt­un­ter­schied von Positivist/inn/en und Pragmatist/inn/en klar for­mu­liert: „Ein bedeu­ten­der Unter­schied zwi­schen uns ent­steht dadurch, so glau­be ich, dass Dr. Dew­ey haupt­säch­lich mit Theo­ri­en und Hypo­the­sen befasst ist, wäh­rend ich mich haupt­säch­lich mit Behaup­tun­gen über ein­zel­ne Sach­ver­hal­te befas­se.“ Ver­hiel­te es sich so, wie Witt­gen­stein im Trac­ta­tus behaup­tet, dann wäre mit­hin die posi­ti­vis­ti­sche Theo­rie basal recht abge­si­chert. Die „Behaup­tun­gen über ein­zel­ne Sach­ver­hal­te“ wären ein (sprach­li­ches) Bild der Sach­ver­hal­te. Aber die Pragmatist/inn/en sind an die­sem Punkt sehr hart­nä­ckig gewe­sen. Sie hal­ten auch die angeb­li­che sinn­li­che Evi­denz für zei­chen­haft erschlos­sen, mit­hin kön­nen die­se nicht als „mat­ter of facts“ gehan­delt wer­den. (Zitiert nach: The Essen­ti­al Dew­ey II, 202) Mög­li­cher­wei­se könn­te dies dann als „kon­struk­ti­vis­tisch“ gedeu­tet oder eher miss­deu­tet wer­den. Dass es sich anders ver­hält, wer­den wir am Mon­tag­abend genau­er bespre­chen.

2               Typen von „Wis­sen­schaft“

Seit der Ent­ste­hung der Quan­ten­me­cha­nik durch Planck, Hei­sen­berg u. a. gibt es wohl kei­ne Wis­sen­schaft mehr, die in sich selbst nur einen homo­ge­nen Typ dar­stellt, viel­leicht ist das noch bei der Che­mie der Fall, aber schon die Bio­lo­gie hat­te nach Dar­win auch noch von Uex­küll u. a. wie Bar­ba­ra McClin­tock, die dann inner­halb einer Wis­sen­schaft ver­schie­de­ne Kon­zep­tio­nen der­sel­ben ver­tre­ten. So sieht es auch bei klas­si­scher Phy­sik und Quan­ten­me­cha­nik aus, zwar wird die Quan­ten­me­cha­nik von kei­nem Phy­si­ker bestrit­ten, aber für den gewöhn­li­chen makro­sko­pi­schen Bereich kön­nen ihre Effek­te fak­tisch ver­nach­läs­sigt wer­den, so jeden­falls vie­le Physiker/innen. Mit­hin hat auch nicht die Ablö­sung eines Para­dig­mas durch ein ande­res statt­ge­fun­den, wie Tho­mas S. Kuhn behaup­tet (Th. S. Kuhn, Die Struk­tur wis­sen­schaft­li­cher Revo­lu­tio­nen [stw 25]) hat­te, in der Phy­sik gibt es statt­des­sen tat­säch­lich unter­schied­li­che Ansich­ten über die Bedeu­tung der Quan­ten­me­cha­nik. Lud­wik Fleck (Ent­ste­hung und Ent­wick­lung einer wis­sen­schaft­li­chen Tat­sa­che, 1935 [1980]) hat­te hier von „Denk­sti­len“ gespro­chen, Kuhn hat­te das dann in eine his­to­ri­sche Abfol­ge gebracht, die von man­chen sogar als Fort­schritts­theo­rie (miss)verstanden wur­de. Die­se Auf­fas­sung hat sich nicht bewährt.

Dies gilt seit ihren Anfän­gen bis heu­te auch für Sozio­lo­gie, Psy­cho­lo­gie, Geschichts­wis­sen­schaft, Öko­no­mie, Lite­ra­tur­wis­sen­schaft, Lin­gu­is­tik, Eth­no­lo­gie und auch für Kunst­leh­ren wie die Medi­zin, die z. B. als Hin­ter­grund­theo­ri­en klas­si­sche Phy­sik und Che­mie haben kann. Zugleich kön­nen aber auch ande­re Wis­sen­schaf­ten hier das Ver­hält­nis von Gesund­heit und Krank­heit in der Pra­xis erhel­len wie Psy­cho­lo­gie, Sozio­lo­gie und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­theo­rie bzw. Her­me­neu­tik, wie das etwa in der Psy­cho­so­ma­ti­schen Medi­zin behaup­tet wird. Die­se Ten­denz besteht unver­än­dert seit den 1850er Jah­ren, scheint also ein rela­tiv sta­bi­les Ele­ment der Wis­sen­schafts­ge­schich­te und der Evo­lu­ti­on der Wis­sen­schaf­ten zu sein. Mei­ne Ver­mu­tung auf­grund mei­ner eige­nen Arbeit in den letz­ten zehn Jah­ren besteht dar­in, dass das Wech­seln der Model­le, ihre Gleich­zei­tig­keit und das Vor­herr­schen bzw. Zurück­tre­ten von Betrach­tungs­wei­sen, wie eine Wis­sen­schaft den Wirk­lich­keits­aus­schnitt, den sie zu bear­bei­ten vor­gibt, modell­haft erfasst, in der neue­ren Zeit nicht zuletzt mit der Kon­kur­renz von Maschi­nen­mo­del­len und kom­ple­xe­ren Model­len, die unter­stel­len, sie sei­en „ganz­heit­lich“ u. ä., zusam­men­hängt. Dew­ey sah daher für die Phi­lo­so­phie die Chan­ce, als eine Art „Ver­bin­dungs­of­fi­zie­rin“ zwi­schen den Wis­sen­schaf­ten und den in ihnen z. T. kon­kur­rie­rend ver­tre­te­nen Denk­sti­len zu agie­ren (vgl. dazu auch kri­tisch: Micha­el Ham­pe, Erkennt­nis und Pra­xis [stw 1776], 182ff).

Wenn ich ein Pro­blem mit einem Maschi­nen­mo­dell erklä­re, beschrei­be ich die Zusam­men­hän­ge eines Ereig­nis­ses oder von Ereig­nis­sen als Teil einer Maschi­ne. Eine Maschi­ne funk­tio­niert nach einem bekann­ten Regel­sys­tem – und die Zuord­nung zu einer Regel dar­aus erklärt das Ereig­nis deduk­tiv. Aus dem Bestehen der Regel kann das Ereig­nis als ein­zel­ner Fall der Regel abge­lei­tet wer­den. So funk­tio­niert im Kern auch die klas­si­sche Phy­sik, wohl auch die Che­mie. Aber seit Dar­win den Zufall in die Bio­lo­gie ein­führ­te, wur­de pro­mi­nent am deduk­tiv-mecha­nis­ti­schen Modell ein Fra­ge­zei­chen ange­bracht, was dann bei von Uex­küll u. a. z. B. zur Unter­stel­lung von Krea­ti­vi­tät führ­te, wofür Bar­ba­ra McClin­tock mög­li­cher­wei­se mit ihren „sprin­gen­den Genen“ mög­li­cher­wei­se expe­ri­men­tel­le Bele­ge brach­te. Ihr zufol­ge ist der zumeist bis heu­te als „DNA-Junk“ o. Ä. bezeich­ne­te Anteil des Genoms in der Lage bei gro­ßen Stress­si­tua­tio­nen das Genom zu ändern.

Gegen das deduk­ti­ve „Erklä­ren“ wand­te sich ins­be­son­de­re in Deutsch­land im Kon­text des Neu­kan­tia­nis­mus die Empha­se des „Ver­ste­hens“. Dies soll­te dann auch eine Ord­nung unter den Wis­sen­schaf­ten schaf­fen, näm­lich die­je­ni­ge von Natur­wis­sen­schaf­ten, wel­che „erklär­ten“, und „Geis­tes­wis­sen­schaf­ten“, wel­che „ver­stün­den“. Bei Dil­they u. a. war dabei wohl immer unter­stellt, dass die Welt der „Natur“ sozu­sa­gen abstän­dig betrach­tet wer­den kön­ne, dies kön­ne man auch ruhig deduk­tiv erklä­ren. Die Welt des „Geis­tes“ aber setz­te unse­re eige­ne Betei­li­gung, unser Inter­es­se, unser Enga­ge­ment vor­aus, wes­halb er bei Lite­ra­tur, Kunst, Geschich­te usf. vom „Ver­ste­hen“ als Ein­füh­len sprach. Man konn­te also nicht ohne eige­ne Betei­li­gung, eige­nes Enga­ge­ment geis­ti­ge Erzeug­nis­se ande­rer Men­schen „ver­ste­hen“, daher war ein sub­jek­tiv enga­gier­ter Stil in ein­zel­nen Geis­tes­wis­sen­schaf­ten erlaubt – und ist dies heu­te durch­aus auch noch. Für Deutsch­land wur­de dann durch Man­fred Franks wich­ti­ge Inter­pre­ta­ti­on von Schlei­er­ma­chers Her­me­neu­tik (Das indi­vi­du­el­le All­ge­mei­ne, 1975) deut­lich, dass Dil­they nicht nur eine fal­sche Inter­pre­ta­ti­on von Schlei­er­ma­chers Her­me­neu­tik vor­ge­legt hat­te, son­dern dass ins­ge­samt sei­ne Auf­fas­sung zu ein­sei­tig gewe­sen war. Denn „geis­ti­ge“ Erzeug­nis­se äußern sich immer nur zei­chen­haft, selbst bei der Tele­pa­thie scheint es nicht anders zu sein. Mit­hin muss­ten die Regeln der Zei­chen erfasst wer­den. Frank kam zu der Über­zeu­gung, dass Schlei­er­ma­chers Inter­pre­ta­ti­ons­theo­rie zu fol­gen sei. Dabei gin­ge es nicht um „Ein­füh­len“, son­dern um den Ver­such, Frem­des zu ver­ste­hen, bei Schlei­er­ma­cher als „Divina­ti­on“ bezeich­net, bei Peirce bekannt­lich Abduk­ti­on. Die Her­me­neu­tik oder Kul­tur­wis­sen­schaft steht, sofern man es nicht ver­ein­facht, vor der Auf­ga­be, stets Neu­es und Frem­des zu ver­ste­hen, mit dem man dann ein­ver­stan­den oder auch nicht ein­ver­stan­den sein kann. Und in der Fol­ge von Schlei­er­ma­cher war er auch der Über­zeu­gung, dass man bestimm­te geis­ti­ge Erzeug­nis­se dann prak­tisch fort­schreibt oder auch kri­tisch ver­än­dert. Dar­in besteht immer noch das Wahr­heits­mo­ment von Dil­the­ys Idee. Nur hat­te er tap­fer über­se­hen, dass in den USA die Prag­ma­tis­ten zeit­gleich die­se Idee schon auf das Rea­li­täts­pro­blem ins­ge­samt ange­wen­det hat­ten. Die Anschau­ung, dass es nur sol­che Regeln gebe wie die­je­ni­gen in der Phy­sik, aus denen das ein­zel­ne Ereig­nis zwin­gend deduk­tiv abge­lei­tet wer­den kön­ne, hat­te Peirce schon früh als „fal­sche Ver­all­ge­mei­ne­rung“ bezeich­net. D. h. aber auch, dass jenes zu ver­ste­hen­de Frem­de mir eben nicht in jedem Fall ver­traut ist, was dann nicht zuletzt in der Eth­no­lo­gie gera­de auch gegen Impe­ra­lis­mus und Euro­zen­tris­mus nicht zu Unrecht betont wur­de. Man näher­te sich also doch immer deut­li­cher der Auf­fas­sung des Aris­to­te­les wie­der an, es gebe viel­leicht so etwas, das not­wen­dig so sei, wie es sei. Für die ganz gro­ße Mehr­heit der Fäl­le aber gel­te: „Es kann alles immer auch anders sein.“ Davon ist die Fra­ge deut­lich zu unter­schei­den, ob uns Sach­ver­hal­te der „Natur“, der „Gesell­schaft“, der „Kul­tur“ so ange­hen, das wir zu Stel­lung­nah­me her­aus­ge­for­dert sind. Nach den Prag­ma­tis­ten, die ein pro­zessphi­lo­so­phi­sches Rea­li­täts­kon­zept haben, jeden­falls schon. Aber man­chen Men­schen ist die Astro­no­mie und die Teil­chen­theo­rie völ­lig egal, ihnen sind ande­re The­men wich­ti­ger. Zur kla­ren Unter­schei­dung in den Wis­sen­schaf­ten taugt daher m. E. die Eigen­be­tei­li­gung, das Enga­ge­ment nicht, weil es dazu unter­schied­li­che Mei­nun­gen gibt, was dem ein­zel­nen Men­schen wich­tig ist. Zur Unter­schei­dung taugt m. E. mit­hin auf den Spu­ren des Aris­to­te­les nur die Unter­schei­dung nach Regel­ty­pen und der Wahr­schein­lich­keit des jewei­li­gen Regel­typs.

Phi­lo­so­phi­sche Erwä­gun­gen zur Glie­de­rung der Wis­sen­schaf­ten vor dem Hin­ter­grund der Gesamt­tä­tig­kei­ten der Phi­lo­so­phie

Im Kern unter­stellt heu­te wohl auch die Phy­sik zumeist, dass ihre Regeln induk­tiv erschlos­sen sind, aber eben sehr gut. Das ist bei vie­len Regeln sonst in der Wirk­lich­keit aber nicht der Fall. Für die Regeln der Sozi­al­wis­sen­schaf­ten gilt natür­lich eine gerin­ge­re Wahr­schein­lich­keit, weil die Dyna­mi­ken der Gesell­schaf­ten stär­ker sind. Was ist damit gemeint?

Eine sozio­lo­gi­sche Theo­rie ist nicht zu 50 % wahr, Alex­an­dra Hake hat in einer Umfra­ge im Rah­men ihrer Dis­ser­ta­ti­on nach­ge­wie­sen, dass vie­le Medi­zin­stu­die­ren­de nicht wuss­ten, was es heißt, dass man ein bestimm­tes pro­zen­tu­ell angeb­ba­res Krank­heits­ri­si­ko etwa als Raucher/in hat. Es geht dar­um, ob man unter allen Raucher/inne/n zu der­je­ni­gen Grup­pe gehört, wel­che die Krank­heit bekommt – oder nicht. Hel­mut Schmidt ist als wirk­lich schwe­rer Rau­cher nicht von einem Lun­gen­kar­zi­nom betrof­fen, mit­hin gehör­te er offen­bar nicht zu der ent­spre­chen­den Grup­pe, natür­lich lässt sich dies nicht ganz sicher sagen … In der Sozio­lo­gie geht es um Hand­lun­gen oder Kom­mu­ni­ka­tio­nen, die ange­nom­men oder abge­lehnt wer­den kön­nen, so auch in der Öko­no­mie, dort wird das aber nur von einer Min­der­heit aner­kannt. Über das Anneh­men oder Ableh­nen von Hand­lun­gen oder Kom­mu­ni­ka­tio­nen las­sen sich induk­ti­ve und nicht zuletzt abduk­ti­ve Vor­aus­sa­gen machen, weil es für Ableh­nung oder Annah­me beob­acht­ba­re Grün­de gibt, die von den Men­schen durch­aus geäu­ßert wer­den. Ent­spre­chend gibt es hier­zu quan­ti­ta­ve und qua­li­ta­ti­ve Stu­di­en. Die­se wis­sen­schaft­li­chen Pro­gno­sen tref­fen auf vie­le sozia­le Pro­zes­se zu, auf vie­le aber nicht. War­um? Weil offen­bar vie­le Men­schen doch anders han­deln, als man es von ihnen erwar­tet, wes­halb es vie­len Theo­ri­en nicht gelun­gen ist, bei­spiels­wei­se die Finanz­kri­se vor­aus­zu­sa­gen u. Ä. Das gilt natür­lich nur, wenn man nicht unter­stellt, es gebe ein heim­li­ches Regel­sys­tem, dass alle Hand­lun­gen und Kom­mu­ni­ka­tio­nen steu­ert. Gäbe es dies, wären alle Wis­sen­schaf­ten vom Typ der klas­si­schen Phy­sik, aber nicht ein­mal in der Medi­zin wird das heu­te noch – belehrt durch die Erfah­rung – unter­stellt, ansons­ten wären die Dop­pelb­lind­stu­di­en kaum ver­steh­bar. Denn dort wird ja nicht belegt, dass ein Medi­ka­ment auf jeden Fall wirkt, son­dern dass es bei einer grö­ße­ren Grup­pe sta­tis­tisch betrach­tet offen­bar „bes­ser“ wirkt als ein ent­spre­chen­des „Pla­ce­bo“. Wobei hier­bei kein kau­sa­ler Wir­kungs­be­griff, son­dern ein sta­tis­ti­scher Wir­kungs­be­griff zugrun­de liegt.

Edmund Stoi­ber hat in der ihm eige­nen deut­li­chen Art wie­der ein­mal einen wich­ti­gen Bei­trag zur Wis­sen­schafts­theo­rie gelie­fert, der durch­aus die Situa­ti­on in Deutsch­land, Euro­pa und den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, die tat­säch­li­chen Kämp­fe erhellt. „Wir kön­nen auch nicht ein Volk von Geis­tes­wis­sen­schaft­lern sein, davon allein kön­nen wir nicht leben.“ Ich gehe nicht auf die pro­ble­ma­ti­sche logi­sche Form des Sat­zes bzw. Argu­ments ein. Von den Wis­sen­schaf­ten wird erwar­tet – und dies ist seit 1850 durch­aus nicht unbe­rech­tigt –, dass sie prak­tisch wirk­sam sind. Dabei gilt als das her­vor­ste­chends­te Pra­xis­merk­mal der Wis­sen­schaf­ten auch bei Stoi­ber, dass die­se die öko­no­mi­sche Sicher­heit der Bevöl­ke­rung durch ent­spre­chen­de For­schung, die dann wirt­schaft­lich ange­wen­det wird, begüns­ti­gen. Bei Geisteswissenschaftler/inne/n scheint das nach dem Urteil Stoi­bers eher nicht der Fall zu sein. Sie sind viel­leicht nicht unwich­tig, aber bit­te mehr Naturwissenschaftler/inn/en! Seit dem „Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fest“ und dann auch detail­lier­ter in Her­bert Spen­cers „Die ers­ten Prin­zi­pi­en der Phi­lo­so­phie“ ist der Sach­ver­halt grund­sätz­lich genau ana­ly­siert. Die Fra­ge für den drit­ten Teil unse­res Kur­ses lau­tet nun: Wie ist aus Ihrer Sicht Edmund Stoi­bers Argu­ment zu beur­tei­len?

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Info:
Wis­sen­schafts­theo­rie III ist Beitrag Nr. 1825
Autor:
Martin Pöttner am 30. Juli 2010 um 18:39
Category:
Allgemein
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1 Kommentar »

  1. alltagundphilosophie.com

    Wis­sen­schafts­theo­rie iii.. Gre­at idea 🙂

    #1 Comment vom 16. März 2011 um 13:49

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