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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Erin­ne­rung an den 23.11. – Vhs Neckar­ge­münd

Der Kurs hat mit dem Ken­nen­ler­nen der Posi­ti­on von Jesper Hoff­mey­er 2008 das Pan­ora­ma ver­schie­de­ner Posi­tio­nen been­det. Auch Bau­er 2008 hat ein nicht ganz schwa­ches Sen­so­ri­um für die Pro­ble­me der Bio­se­mio­tik, beschei­det sich aber lie­ber mit For­mu­lie­run­gen, wie „das Gehirn schal­tet ein bio­lo­gi­sches Signal an“. Die Semio­tik ist seit gut 130 Jah­ren die­je­ni­ge all­ge­mei­ne phi­lo­so­phi­sche und wis­sen­schaft­li­che Dis­zi­plin, die es erlaubt, die oft anschei­nend gegen­ein­an­der agie­ren­den wis­sen­schaft­li­chen Dis­zi­pli­nen zu ver­ei­nen. Lei­der geht sie sogar auf die klas­si­sche grie­chi­sche Phi­lo­so­phie und Medi­zin, die Stoa und die gro­ßen mit­tel­al­ter­li­chen Dis­kur­se zurück, ganz zu schwei­gen von moder­nen kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Errun­gen­schaf­ten. Daher wird sie oft abge­lehnt, wie­so soll man das jetzt auch noch machen, weil man mit sei­nem klas­sisch-phy­si­ka­lisch-mecha­nis­ti­schen Dis­zi­pli­nen­be­stand irgend­wie zufrie­den ist und nicht so ger­ne wei­ter­fra­gen möch­te. Dem­ge­gen­über steht aber die Tat­sa­che, dass es dadurch kei­ne wis­sen­schaft­li­che Auf­fas­sung der Ganz­heit der Pro­zes­se des Lebens gibt. Die empi­ri­schen Wis­sen­schaf­ten sto­ßen frei­lich nicht sel­ten auf Phä­no­me­ne wie die Rezep­to­ren, wel­che schwer­lich anders inter­pre­tiert wer­den kön­nen, als dass es sich um Aspek­te eines semio­ti­schen Sys­tems han­delt, wobei sol­che Sys­te­me Bot­schaf­ten über­mit­teln, die mehr oder weni­ger gut ver­stan­den wer­den, was für Hoff­mey­er nicht unwe­sent­lich ist. Schon die Arbeit Jakob von Uex­külls hat­te schlich­te Vor­stel­lun­gen wie (angeb­li­che) Reiz-Reak­ti­ons-Pro­zes­se eher rela­ti­viert:

Tie­ri­sche Lebe­we­sen unter­schei­den sich … von Maschi­nen durch die Unvor­her­seh­bar­keit ihres Ver­hal­tens. Reiz und Reak­ti­on sind nicht fixiert gekop­pelt wie die Bewe­gung einer Mimo­se bei Berüh­rung ihrer Blät­ter, son­dern nur schwach gekop­pelt; das heißt, Rei­ze lösen kein fixier­tes Ver­hal­ten aus, son­dern modu­lie­ren eine vor­han­de­ne Eigen­ak­ti­vi­tät, sodass nur die Wahr­schein­lich­keit für ein bestimm­tes Ver­hal­ten des Lebe­we­sens modi­fi­ziert wird. Signa­le kön­nen intern ver­stärkt, mit ande­ren Signa­len ver­gli­chen und vor allem gespei­chert wer­den: Die Varia­bi­li­tät der inne­ren Sys­tem­zu­stän­de erlaubt es, dass in die Trans­for­ma­ti­ons­re­geln für ein­tref­fen­de Rei­ze die jeweils vor­aus­ge­hen­den Ope­ra­tio­nen mit ein­ge­hen – das Grund­prin­zip von Gedächt­nis. Dazu tre­ten schon auf ein­fa­chen Lebens­stu­fen spon­ta­ne Ver­hal­tens­wei­sen, die vom Lebe­we­sen initi­iert, und deren Resul­tat in der Umwelt von ihm bewer­tet wer­den kön­nen.“ (Fuchs 2008, 113)

Auch Fuchs bezieht sich grund­le­gend auf die Bio­se­mio­tik von Uex­külls 1928. Etwa der Auf­bau von Gedächt­nis ist ein phy­sio­lo­gi­scher Vor­gang, der dann Bedeu­tun­gen von erleb­ten Ereig­nis­sen gene­rie­ren kann Wie für Hoff­mey­er ist für Fuchs die Maschi­nen­me­ta­pher in der Bio­lo­gie gänz­lich fehl am Plat­ze. Hoff­mey­er geht aber ins­ge­samt wei­ter als Fuchs und ver­sucht, den Men­schen von der Ein­zel­zel­le zum Orga­nis­mus als Kon­ti­nu­um zu ver­ste­hen, wel­ches durch Zei­chen­aus­tausch und Kom­mu­ni­ka­ti­on kon­sti­tu­iert sei. Die­ser baut sich schwar­mähn­lich und kei­nes­wegs unchao­tisch von unten nach oben auf. Mit­hin wird der onto­ge­ne­ti­sche Pro­zess des Orga­nis­mus kei­nes­wegs durch das Genom deter­mi­niert.

Die Fra­ge des Genoms wird schon gut 50 Jah­re semio­tisch behan­delt – und Hoff­mey­er zieht an sich nur die Kon­se­quen­zen. Beein­dru­ckend ist sei­ne Peirce­in­ter­pre­ta­ti­on in Hoff­mey­er 2005, die teil­wei­se auch phi­lo­so­phisch ihres­glei­chen sucht. Ins­be­son­de­re die Psy­cho­so­ma­ti­sche Medi­zin hät­te nach mei­nem Ein­druck gro­ßen Anlass ihre Annah­men auf die­ser Grund­la­ge wei­ter zu ent­wi­ckeln. Mög­li­cher­wei­se erhält sie dadurch lang­fris­tig eine höhe­re wis­sen­schaft­li­che Aner­ken­nung.

Die Semio­tik ist bis­her die ein­zi­ge Dis­zi­plin, wel­che die ver­schie­de­nen Sphä­ren, in denen sich Men­schen und ande­re Lebe­we­sen bewe­gen, über­grei­fend beschrei­ben kann. Sie kann auch Schein­de­bat­ten beschrei­ben, wie: Muss man „Bot­schaft“ oder „Infor­ma­ti­on“ sagen? Je nach Kon­text wird „Bot­schaft“ und „Infor­ma­ti­on“ mit ver­schie­de­nen Sinn­ge­hal­ten oder Regeln ver­wen­det. Natür­lich könn­te man ande­ren vor­schrei­ben: Du darfst nur „Bot­schaft“ sagen! Das ist aber von einer zen­tra­len Domi­nanz abhän­gig. Peirce hat das selbst ver­sucht, durch­zu­set­zen, ist damit aber trotz eini­ger Bemü­hun­gen nicht rezi­piert wor­den. Inso­fern sind wir lei­der auch bei wis­sen­schaft­lich anspruchs­vol­len und phi­lo­so­phi­schen Tex­ten auf unse­re von Frus­tra­ti­ons­to­le­ranz gepräg­te Inter­pre­ta­ti­ons­kom­pe­tenz ange­wie­sen. Die Welt ist nicht ein­för­mig, son­dern plu­ral und dyna­misch. Daher benö­ti­gen wir Krea­ti­vi­tät, um die ver­schie­de­nen semio­ti­schen Regeln bzw. Kom­mu­ni­ka­ti­ons­re­geln zu erfas­sen. Zu der ent­spre­chen­den Geduld möch­te ich sie ein wenig ermu­ti­gen.

Hoff­mey­er zeigt, dass in der Erwach­se­nen­bil­dung auch die Unend­lich­keits­as­pek­te der Bil­dung im aller­mo­derns­ten Kon­text nicht aus­ge­blen­det wer­den müs­sen. Wir müs­sen hier nur das Grund­prin­zip ver­ste­hen, jede/r soll­te nach Inter­es­se hier wei­ter­ma­chen und tie­fer gra­ben.—

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Info:
Erin­ne­rung an den 23.11. – Vhs Neckar­ge­münd ist Beitrag Nr. 1491
Autor:
Martin Pöttner am 24. November 2009 um 17:42
Category:
Biologie,Genom,Mensch und Universum,Ökologie,Zeichen und Philosophie
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