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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Erinnerung an den 26.10. – Vhs Neckargemünd

Im Vor­der­grund der Sit­zung stan­den Ver­ständ­nis­pro­ble­me und das Kon­zept von Charles Dar­win. Wie­so haben wir Matu­rana und Daw­kins bespro­chen? Ging es nicht um das Ver­hält­nis von „sys­te­misch“ vs. „nicht-sys­te­misch“? Der Sys­tem­be­griff wird seit der Anti­ke ver­wen­det. In der neue­ren Zeit prägt der Sys­tem­be­griff weit­hin phi­lo­so­phi­sche und wis­sen­schaft­li­che Begriff­lich­kei­ten. Sys­te­me bil­den stets Ele­men­te und Rela­tio­nen (Bezie­hun­gen) aus. Die durch die Rela­tio­nen bestimm­te Gestalt des Sys­tems wird als Struk­tur bezeich­net. Eine sol­che Struk­tur kann als mecha­nis­tisch begrif­fen wer­den, dann sind die Sys­te­me Maschi­nen – wie bei Daw­kins im Gefol­ge einer bedeu­ten­den Tra­di­ti­on seit Des­car­tes. Hier gel­ten sehr star­ke induk­ti­ve oder deduk­ti­ve Regeln, wel­che die Sta­bi­li­tät des Sys­tems erzeu­gen – bei Daw­kins erschaf­fen bei­spiels­wei­se die Gene sol­che „Maschi­nen“. Seit der deut­schen Früh­ro­man­tik und dem Ame­ri­ka­ni­schen Tran­szen­den­ta­lis­mus wird die­ser Mecha­nis­mus deut­lich kri­ti­siert. Hier ten­die­ren die Sys­te­me dazu, auto­po­ie­tisch zu wer­den, d. h., sie sind so ange­legt, dass sie sich in jedem Voll­zug von Ele­men­ten und Rela­tio­nen im Kon­text ihrer Umwelt auf sich selbst bezie­hen und sich selbst erzeu­gen. Das gilt für bio­ti­sche, psy­chi­sche und sozia­le Sys­te­me. So auch Matu­rana. Dadurch wer­den die Betrach­tungs­wei­sen ungleich kom­ple­xer. Die Sys­tem-Umwelt-Dif­fe­renz ist dann nicht nach der einen oder ande­ren Sei­te ganz ein­deu­tig und leicht fest­zu­le­gen. Sol­che auto­po­ie­ti­schen Sys­te­me gel­ten als selbst­re­fe­ren­zi­ell-geschlos­sen. D. h., ihr Selbst­be­zug bestimmt, wie Ener­gie und Infor­ma­ti­on im Sys­tem selbst inter­pre­tiert bzw. bewer­tet sowie gestal­tet wer­den. Als bekann­tes Bei­spiel geht Tho­mas Fuchs 2008, 111, auf das Eisen ein:

Lebe­we­sen las­sen sich zunächst als kom­ple­xe Kör­per oder Sys­te­me auf­fas­sen, die sich bei fort­wäh­ren­dem Wech­sel ihres Stof­fes in ihrer Form und Struk­tur durch die Zeit hin­durch erhal­ten. Dabei ist die­se Erhal­tung als akti­ve Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on oder Auto­po­ie­se (Matu­rana u. Vare­la 1987) zu begrei­fen, denn die Form des Orga­nis­mus lässt den Stoff nicht ein­fach durch sich hin­durch­strö­men wie die Form eines Stru­dels das Fluss­was­ser, son­dern sie unter­wirft ihn ihrem eige­nen Prin­zip und Zweck, bin­det ihn ein und ver­wan­delt ihn. Dabei gewinnt der Stoff neue, ‚emer­gen­te‘ Eigen­schaf­ten, die ihm nur im sys­te­mi­schen Zusam­men­hang des Orga­nis­mus zukom­men. So ver­hält sich das im Hämo­glo­bin gebun­de­ne Eisen grund­le­gend anders als mine­ra­lisch vor­kom­men­des Eisen: Es oxi­diert nicht irrever­si­bel, son­dern es ist in der Lage, Sauer­stoff rever­si­bel zu bin­den, was eine ent­schei­den­de Vor­aus­set­zung des tie­ri­schen Ener­gie­haus­halts dar­stellt.“

Die Poin­te liegt hier dar­auf, dass die „inne­ren“ che­mi­schen Eigen­schaf­ten des Eisens im Hämo­glo­bin ande­re sind als die­je­ni­gen des mine­ra­li­schen Eisens in der Umwelt. Wie schon frü­her dis­ku­tiert, gilt das dann auch für soge­nann­te Ursa­che-Wir­kungs­be­zie­hun­gen, die nicht ein­fach von „außen“ nach „innen“ unun­ter­bro­chen ver­lau­fen, son­dern durch den selbst­re­fe­ren­zi­el­len Inter­pre­ta­ti­ons­pro­zess des Sys­tems ent­spre­chend modi­fi­ziert wer­den. Bei einer schlich­ten und ganz ein­för­mi­gen Gestalt der Wirk­lich­keit soll­te so etwas nicht auf­tre­ten. Hier soll­te man erwar­ten dür­fen, dass Eisen über­all die glei­chen che­mi­schen Eigen­schaf­ten hat. Aber die Wirk­lich­keit ist kom­plex und viel­ge­stal­tig. Dar­auf reagie­ren u. a. auto­poe­ti­sche Sys­tem­theo­ri­en.

Nach mei­ner Wahr­neh­mung zeig­te sich noch­mals deut­lich, dass vie­le Teilnehmer/innen es schwer akzep­tie­ren kön­nen, dass Wissenschaftler/innen kei­nes­wegs ohne Bil­der oder Model­le arbei­ten, die nicht schlicht den beob­ach­te­ten Sach­ver­hal­ten ent­nom­men sind – son­dern die­se Sach­ver­hal­te auf die eine oder ande­re Wei­se inter­pre­tie­ren, Daw­kins mit dem mäch­ti­gen Bild der Maschi­ne. In die­sem Sinn gibt es kei­ne „vor­ur­teils­freie Wis­sen­schaft“. Wie u. a. im Gefol­ge des Prag­ma­tis­mus gezeigt wur­de, ist nicht nur die Erläu­te­rung wis­sen­schaft­li­cher Ergeb­nis­se für soge­nann­te „Lai­en“ an All­tags­spra­che und deren Bil­der gebun­den. Dies gilt selbst­ver­ständ­lich auch für die Aus­bil­dung wis­sen­schaft­li­cher Hypo­the­sen und Theo­ri­en.

Dar­wins Evo­lu­ti­ons­theo­rie unter­stellt einen Drei­schritt:

  1. Die grund­le­gen­de Ver­än­de­rung wird durch eine Zufalls­va­ria­ti­on bei der Ver­er­bung erklärt.
  2. Über eine lan­ge Zeit­dau­er muss sich eine der­ar­ti­ge Ver­än­de­rung bewäh­ren.
  3. Über den schließ­li­chen evo­lu­tio­nä­ren Erfolg ent­schei­det die natür­li­che Selek­ti­on im Exis­tenz­kampf (strugg­le for exis­tence) unter Umwelt­be­din­gun­gen.

Wie schon im 19. Jahr­hun­dert sehr kri­tisch dis­ku­tiert wur­de, ent­stammt die Idee und das Leit-Bild für den drit­ten Aspekt aus der Öko­no­mie. Also auch hier nicht ein­fach eine vor­ur­teils­freie Betrach­tung der vor­han­de­nen Abwei­chun­gen, son­dern die Kon­struk­ti­on gro­ßer natur­ge­schicht­li­cher Zusam­men­hän­ge vor dem Hin­ter­grund eines aus der Öko­no­mie ent­nom­me­nen Bil­des. Wie Mal­thus’ Über­be­völ­ke­rungs­theo­rie ist Dar­wins Punkt 3 daher auf jeden Fall eine mecha­nis­ti­sche Theo­rie. Punkt 1 ist aller­dings sehr viel kom­ple­xer zu sehen, hier wird der Mecha­nis­mus viel­leicht durch­bro­chen. Pech für Dar­win: Mal­thus’ Theo­rie ist zwei­fel­los falsch, was schon zu Leb­zei­ten Dar­wins immer­hin behaup­tet wur­de (etwa: Ricar­do).

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Info:
Erinnerung an den 26.10. – Vhs Neckargemünd ist Beitrag Nr. 1373
Autor:
Martin Pöttner am 27. Oktober 2009 um 16:30
Category:
Alltag,Biologie,Genom,Homo oeconomicus,Mensch und Universum,Wahrheit,Was ist der Mensch?,Zeichen und Philosophie
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1 Kommentar »

  1. CAMERON

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    #1 Trackback vom 12. September 2010 um 13:26

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