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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Zusam­men­fas­sung 12.10 – VHs Neckar­ge­münd

Die Sit­zung kreis­te um die Pro­ble­me, die dadurch auf­ge­wor­fen wur­den, dass die ers­te Sit­zung an den ein­an­der kon­tra­dik­to­risch aus­schlie­ßen­den Kon­zep­ten von Matu­rana und Daw­kins ori­en­tiert war. Wie kann es über­haupt dazu kom­men, dass Wissenschaftler/innen heu­te immer noch das behaup­ten, was Daw­kins behaup­tet, wenn es doch seit Beginn des 19. Jahr­hun­derts die­ser Unter­stel­lung ent­ge­gen­ge­setz­te Kon­zep­tio­nen gibt. Die Ant­wort, von eini­gen Teilnehmer/inne/n selbst vor­ge­schla­gen, lau­te­te: Weil die Posi­ti­on Daw­kins’ an gesell­schaft­li­chen Mus­tern ori­en­tiert ist, die heu­te domi­nie­ren. All­ge­mein kann hin­zu­ge­fügt wer­den, dass ent­ge­gen der Annah­me von Tho­mas Kuhn in den Wis­sen­schaf­ten kaum „Para­dig­men­wech­sel“ (Kuhn 1973) erfol­gen, son­dern es mehr­heit­lich oder min­der­heit­lich ori­en­tier­te Denk­sti­le (Fleck 1980) gibt – von Außenseiter/innen ganz zu schwei­gen. Vgl. hier­zu Pött­ner 2009 mit Lite­ra­tur­an­ga­ben. Dass Kuhns The­se gera­de sozio­lo­gisch idea­li­siert ist, zeigt sich dar­in, dass die wis­sen­schaft­li­che Pra­xis und gro­ße Tei­le der Anwen­dung und Rezep­ti­on der Phy­sik durch­aus an Ide­en der klas­si­schen Phy­sik ori­en­tiert sind. Hät­te Kuhn auch nur ent­fernt recht, müss­ten eigent­lich alle Physiker/innen heu­te begeis­ter­te und akti­ve Quantenphysiker/innen sein. Das aber ist nicht der Fall.

So ist auch der wis­sen­schaft­li­che Pro­zess der Bio­lo­gie, der stark in die medi­zi­ni­sche Theo­rie­bil­dung her­ein­reicht, kei­nes­wegs nach dem Modell ein­an­der ablö­sen­der Para­dig­men ver­lau­fen. Durch Des­car­tes wur­de fest­ge­legt, dass Tie­re Maschi­nen und Auto­ma­ten sei­en. Das erscheint gele­gent­lich wider­sin­nig, sodass seit der deut­schen Früh­ro­man­tik und dem Ame­ri­ka­ni­schen Tran­szen­den­ta­lis­mus hier­ge­gen Pro­tes­te ent­stan­den. Wel­cher Inter­pre­ta­ti­ons-Tra­di­ti­on, der kar­te­si­schen oder der „roman­ti­schen“, die ins­be­son­de­re durch Jakob Johann von Uex­küll ange­führt wird und sich im Bei­trag von Matu­rana mani­fes­tiert, der Vor­zug zukommt, wur­de offen­ge­las­sen. Bei­de Inter­pre­ta­tio­nen sind logisch mög­lich, also kommt es auf die Beach­tung der ein­zel­nen Sach­ver­hal­te, auch des eige­nen Lebens­ent­wurfs an. Deu­te ich mich so, dass ich ein mit ande­ren Lebe­we­sen, nicht zuletzt Men­schen kon­kur­rie­ren­des Lebe­we­sen bin? Oder bin ich das, was ich wer­de und gewor­den bin, auch durch die Koope­ra­ti­on ande­rer?

Die genaue­re Wahr­neh­mung des­sen, was „Gene“ sind, und war­um für jede Evo­lu­ti­ons­theo­rie die Gene, also die Ver­er­bung von soge­nann­tem „Erb­ma­te­ri­al“ so wich­tig sind, wur­de nur ange­ris­sen. Nach der Nor­mal­wahr­neh­mung der Dar­win­schen Theo­rie tre­ten beim Über­tra­gungs­vor­gang zufäl­lig Feh­ler bei der „Kopie­er­stel­lung“ auf, sodass der Evo­lu­ti­ons­pro­zess davon wesent­lich abhängt, ob sich sol­che „Kopi­en“ dann im strugg­le of exis­tence („Exis­tenz­kampf“) bewäh­ren. Die „Umwelt“ als Inbe­griff der aktu­el­len Exis­tenz­be­din­gun­gen eines Lebe­we­sens wird dabei als rela­tiv sta­bil betrach­tet. Seit Uex­küll 1928 gilt aber die wech­sel­sei­ti­ge Ver­än­de­rung von Lebe­we­sen und Umwelt. Im Kurs wider­sprach Frau Jes­sel die­ser The­se. Ihr zufol­ge habe auch Dar­win genau das gemeint. Dies ist in den nächs­ten acht Sit­zun­gen genau­er zu erfas­sen.

Die auto­po­ie­ti­sche Sys­tem­theo­rie Matu­ranas u. a. wird aber von Dar­win, Spen­cer u. a. allen­falls frag­men­ta­risch so gese­hen. Hier bear­bei­tet sich das ein­zel­ne Lebe­we­sen in der Umwelt so, dass es selbst sei­ne sys­te­mi­schen Ele­men­te und deren Bezie­hung mit­be­stimmt und selbst anpasst – ange­sichts der Ereig­nis­se der Umwelt.

Für die Gene bedeu­tet das letz­te­re Modell – im Unter­schied zu Daw­kins – auch die Gene kön­nen (in bestimm­ten Gren­zen) ange­passt wer­den. Ein­fa­che Ursa­che-Wir­kungs-Bezie­hun­gen von außen nach innen und umge­kehrt sowie von innen nach innen sind nicht sicher, eher frag­wür­dig. Dass dies in der Abbil­dung 4 in der Rich­tung von Daw­kins ent­schie­den wur­de, wur­de deut­lich. Wis­sen­schaft­li­che Aus­sa­gen sind stets von Inter­pre­ta­tio­nen abhän­gig, die bestimm­ten Model­len fol­gen. Bei­spiels­wei­se Zwil­lings­stu­di­en mit ein­ei­igen Zwil­lin­gen unter­stel­len, dass gesi­chert sei, sofern ein­ei­ige Zwil­lin­ge glei­che Eigen­schaf­ten wie Homo­se­xua­li­tät aus­bil­den, kön­ne geschlos­sen wer­den, Homo­se­xua­li­tät ins­ge­samt sei über­wie­gend eine erb­li­che Eigen­schaft. Kri­tisch über­prüft wer­den müss­te eine der­ar­ti­ge Behaup­tung dadurch, dass eine rela­tiv hohe Zahl von „Nei­gungs­ho­mo­se­xu­el­len“ und deren Eltern sowie Groß­el­tern ernst­haft unter­sucht wür­de. Nur dann ist eine sol­che Sta­tis­tik aus­sa­ge­kräf­tig.

Für Matu­rana stel­len sich der­ar­ti­ge Pro­ble­me nicht so ernst­haft. Für ihn ste­hen die Gene ja auch gar nicht im Vor­der­grund. Er unter­stellt mit einer wach­sen­den Anzahl von Wissenschaftler/inne/n, dass die agie­ren­de Instanz die Zel­len sind, die selbst in der Lage sind, die in ihren ein­ge­schlos­se­nen Erb­in­for­ma­tio­nen zu akti­vie­ren oder inak­tiv zu las­sen. Akti­viert wer­den müs­sen die­se „Gene“, wenn in der Umwelt des Orga­nis­mus Ereig­nis­se auf­tau­chen, die die­ser nicht mit sei­ner her­kömm­li­chen Struk­tur bewäl­ti­gen kann. Dabei greift er auf die im Genom ent­hal­te­nen „Trans­po­si­ti­ons­ele­men­te“ zurück, um das Genom zu ändern – so die Nobel­preis­trä­ge­rin Bar­ba­ra McClin­tock, die das bei der radio­ak­ti­ven Bestrah­lung von Mais­pflan­zen schon in den 1940er Jah­ren gezeigt hat­te. Durch die Sequen­zie­rung des Genoms zu Beginn die­ses Jahr­zehnts ist die­se Annah­me bestä­tigt wor­den. Im Kurs ist näher zu ver­ste­hen, wor­in die semio­ti­schen oder kom­mu­ni­ka­ti­ven Vor­aus­set­zun­gen einer sol­chen Behaup­tung bestehen.

« Gene und Evo­lu­ti­on II – Vhs Neckar­ge­münd – Was sind „Gene“? Und wie hän­gen sie mit der bio­ti­schen und kul­tu­rel­len Evo­lu­ti­on zusam­men? »

Info:
Zusam­men­fas­sung 12.10 – VHs Neckar­ge­münd ist Beitrag Nr. 1291
Autor:
Martin Pöttner am 15. Oktober 2009 um 17:12
Category:
Allgemein
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