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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


II – Vhs Neckar­ge­münd">Gene und Evo­lu­ti­on II – Vhs Neckar­ge­münd

Die Gen­de­bat­te gäbe es nicht, wenn es kei­ne Wis­sen­schaf­ten gäbe. Nun betrifft die­se Debat­te aber min­des­tens zwei phi­lo­so­phi­sche Grund­fra­gen, jeden­falls wenn Phi­lo­so­phie sich als Lie­be zur Weis­heit ver­steht, wor­in ja der grie­chi­sche Wort­sinn von Phi­lo­so­phie (φιλοσοφία [phi­lo­so­phia]) besteht. Die Lie­be zur Weis­heit fragt in die­sem Kon­text min­des­tens:

  • Was ist der Mensch? – Spe­zi­fi­scher: Wer bin ich selbst? Wer sind wir selbst?
  • Wie ist alles zu ver­ste­hen?
  • Wie wol­len wir leben?

Daw­kins gibt uns dar­auf die Ant­wort: Wir sind auf­grund unse­rer Gene „Chi­ca­go­er Gangs­ter“, die sich aber viel­leicht altru­is­tisch beleh­ren las­sen, dass sie ihre ego­is­ti­schen Zie­le nur mit die­ser altru­is­ti­schen Mas­kie­rung errei­chen kön­nen. Das sind ziem­lich deut­li­che Ant­wor­ten auf die Fra­gen: „Was ist der Mensch?“ und „Wie wol­len wir leben?“

Matu­rana sieht das ganz anders. Aber auch sei­ne Ant­wor­ten sind von den Fra­gen: „Was ist der Mensch?“ und „Wie wol­len wir leben?“ bestimmt. Das bio­ti­sche Sein des Men­schen vor dem Hin­ter­grund des grund­le­gen­den Gen­ma­te­ri­als ist durch Lie­be bestimmt. Dage­gen kann man sich weh­ren, ins­be­son­de­re die sprach­li­che Anfer­ti­gung von Beschrei­bun­gen kann uns dazu brin­gen, ande­re aus­zu­gren­zen und die ande­ren Men­schen nicht alle­samt als gleich­wer­tig anzu­se­hen.

Wie die fol­gen­de Abbil­dung 3 zu zei­gen ver­sucht, gibt es sehr vie­le ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten Phi­lo­so­phie zu betrei­ben, sich auf ver­schie­de­ne Wis­sen­schafts­ty­pen zu bezie­hen, auch auf den All­tag.

Philosophiebeziehungen

Abbil­dung 3: Grund­be­zie­hun­gen phi­lo­so­phi­schen Nach­den­kens

Abbil­dung 3 zeigt die ver­schie­de­nen Bezie­hun­gen zu The­men, wel­che die Phi­lo­so­phie als Lie­be zur Weis­heit hat. „Lie­be zur Weis­heit“ besagt u. a., dass Philosoph/inn/en nach Weis­heit stre­ben, die­se also kei­nes­wegs ein­fach schon vor­han­den ist. Dar­über hin­aus wird unter­stellt, dass beson­ne­nes Erle­ben und Han­deln phi­lo­so­phi­scher ist als weni­ger beson­ne­nes Han­deln und Erle­ben. Die Beson­nen­heit hat es mit der Erfas­sung von Kom­ple­xi­tät zu tun: „Wie ist alles zu ver­ste­hen?“ geht aufs Gan­ze. Auch dafür stel­len Matu­ranas und Daw­kins’ Tex­te gute Bei­spie­le dar. Inso­fern lie­gen hier aus einer ein­zel­wis­sen­schaft­li­chen Per­spek­ti­ve je ver­schie­de­ne phi­lo­so­phi­sche Kon­zep­tio­nen vor. Die anschei­nen­de Klar­heit der Auf­stel­lun­gen Daw­kins’ beruht dar­auf, dass er unter­stellt, die Bio­lo­gie sei eine Wis­sen­schaft vom Typ 1, wobei die induk­ti­ven Schlüs­se auf­grund von Erfah­run­gen und Expe­ri­men­ten, palä­on­to­lo­gi­schen Fun­den usf. gegen die Wahr­schein­lich­keit 1 bzw. gegen 100 % ten­die­ren. Das ist dann der Fall, wenn die Leit­me­ta­pher zutrifft – und Men­schen wie alle Tie­re Maschi­nen sind. Nach Matu­ranas Auf­fas­sung ist das zumin­dest eine über­op­ti­mis­ti­sche, wenn nicht gänz­lich irre­füh­ren­de Hypo­the­se, also eine blo­ße, nicht gut begrün­de­te Abduk­ti­on. Da Matu­rana pro­zess­ori­en­tiert denkt, was man leicht dar­an sieht, dass er dar­über reflek­tiert, wie Inno­va­tio­nen in einer Gesell­schaft akzep­tiert wer­den, unter­stellt er nicht, es gäbe eine grund­le­gen­de Prä­mis­se, aus der dann die Ereig­nis­se folg­ten. Die Ereig­nis­se kön­nen statt­des­sen auf die Anfangs­be­din­gun­gen zurück­wir­ken und die­se ver­än­dern. Bio­lo­gie ten­diert daher Matu­rana zufol­ge eher zum Wis­sen­schafts­ty­pus 2, weil sie das Ver­hält­nis von Sta­bi­li­tät und Ver­än­de­rung deut­li­cher erfas­sen muss als dies bei der klas­si­schen Phy­sik der Fall ist, wel­che den deut­lichs­ten Fall des Wis­sen­schafts­ty­pus 1 dar­stellt. Nicht zuletzt auf­grund die­ses Gegen­sat­zes in den Wis­sen­schafts­ty­pen ist phi­lo­so­phi­sche Refle­xi­on uner­läss­lich. Es gibt schlicht Streit, der offen­bar nicht nur durch ver­schie­de­ne Expe­ri­men­te gelöst wer­den kann, weil es auch um die Fra­gen geht, wie wir leben wol­len, wie alles zu ver­ste­hen ist – und was der Mensch ist. Mit­hin ist das The­ma „Gene und Evo­lu­ti­on“ schon auf­grund der vor­lie­gen­den bio­lo­gi­schen Tex­te zwin­gend phi­lo­so­phisch.

Dass es ein phi­lo­so­phi­sches The­ma ist, erhellt wei­ter aus fol­gen­der For­mu­lie­rung, die für alle Ent­wür­fe, wis­sen­schaft­li­chen Theo­ri­en, Behaup­tun­gen usf. gilt:

Beden­ken Sie, wel­che Wir­kun­gen, die denk­ba­rer­wei­se prak­ti­sche Rele­vanz haben könn­ten, wir dem Gegen­stand unse­rer Kon­zep­ti­on zuschrei­ben. Folg­lich besteht die Kon­zep­ti­on die­ser Wir­kun­gen aus dem Gan­zen unse­rer Kon­zep­ti­on des Gegen­stands!

(Peirce 1878, vgl. in der Lite­ra­tur­lis­te)

In der letz­ten Sit­zung mach­te beson­ders Herr Sie­gel-Sprin­ger auf eini­ge aktu­ell dis­ku­tier­te Fol­gen der Beschäf­ti­gung mit dem Genom auf­merk­sam. Die­ses wur­de meta­pho­risch wis­sen­schaft­lich und mas­sen­me­di­al ver­stärkt lan­ge als Geheim­ko­de ver­stan­den, wes­halb fort­wäh­rend (ganz irre­füh­rend) von der Ent­schlüs­se­lung des­sel­ben die Rede war. Neben einer öffent­lich geför­der­ten inter­na­tio­na­len For­scher­ge­mein­schaft (Human Geno­me Pro­ject)  war an die­sem angeb­li­chen Ent­schlüs­se­lungs­pro­zess kon­kur­rie­rend auch ein kapi­ta­lis­ti­sches Unter­neh­men (Cele­ra)  betei­ligt. Bei­den Pro­jek­ten lag die Idee zugrun­de, dass die spä­ter dann rich­ti­ger­wei­se soge­nann­te Sequen­zie­rung des Genoms, näm­lich die Iden­ti­fi­zie­rung soge­nann­ter „Basen­paa­re“ in der DNA auf den ein­zel­nen Chro­mo­so­men zu öko­no­mi­schen Inno­va­tio­nen durch tech­nisch-medi­zi­ni­sche Ver­wer­tung füh­ren wer­de. Eben­so erhoff­te man sich, Krank­hei­ten vor­aus­sa­gen zu kön­nen, wenn ein­zel­ne Tei­le des Genoms bestimm­ten Krank­hei­ten zuge­ord­net wer­den könn­ten. Iro­ni­scher­wei­se ist das Ergeb­nis in die­ser Hin­sicht all­zu dürf­tig. Dem­ge­gen­über hat – wie Bau­er 2008  (vgl. in der Lite­ra­tur­lis­te) wohl rich­tig bemerkt – die Sequen­zie­rung bestimm­te bio­lo­gi­sche Theo­ri­en wie die­je­ni­gen Dar­wins mög­li­cher­wei­se zum Ein­sturz gebracht, jeden­falls stark infra­ge gestellt, eine offen­bar von vie­len ganz uner­war­te­te Fol­ge jener Sequen­zie­rung. Natür­lich gab es mit der Nobel­preis­trä­ge­rin Bar­ba­ra McClin­tock schon eine Dame, die empi­risch und theo­re­tisch vor­ge­ar­bei­tet hat­te, wie dies in ihrer Nobel­preis­re­de (McClin­tock 1983 [vgl. in der Lite­ra­tur­lis­te]) klar zum Aus­druck kommt.  Danach ste­hen kei­nes­wegs die Gene im Vor­der­grund des Inter­es­ses, son­dern die Zel­len, die in bestimm­ten Situa­tio­nen u. a. Ver­än­de­run­gen der Gene in Gang set­zen bzw. die­se kom­mu­ni­ka­tiv anfor­dern.

Für den Kurs ist wich­tig, dass dies im Ein­zel­nen ver­folgt und mög­lichst gut ver­stan­den wird. Das Genom­the­ma ist nicht nur indi­vi­du­ell bezo­gen, son­dern hat mit der Evo­lu­ti­ons­ge­schich­te und der ent­spre­chen­den Theo­rie zu tun. Der kar­te­sia­ni­sche Zweig der Bio­lo­gie glaubt, dass Tie­re Maschi­nen sind, deren „Pro­gramm“ sozu­sa­gen von den Genen geschrie­ben wird. Der antikar­te­sia­ni­sche Zweig der Bio­lo­gie vor allem seit der Roman­tik und dann mit Jakob von Uex­küll 1928 (vgl. in der Lite­ra­tur­lis­te) ist nicht die­ser Über­zeu­gung. Mit Daw­kins 2008 (vgl. in der Lite­ra­tur­lis­te) und Matu­rana 1987  (vgl. in der Lite­ra­tur­lis­te) hat­ten wir zwei Tex­te vor­lie­gen, die die­sen ver­schie­de­nen Ten­den­zen der Bio­lo­gie fol­gen.

Das auf das Indi­vi­du­um bezo­ge­ne Den­ken wird in der Unklar­heit der abschlie­ßen­den Gra­fik deut­lich:

Ursachenhypothesen

Abbil­dung 4: Erblichkeit/Nichterblichkeit von mut­maß­lich psy­cho­so­ma­ti­schen Erkran­kun­gen. Quel­le: Uex­küll u. a. 2008 (vgl. in der Lite­ra­tur­lis­te), 113.

Sieht man die Abbil­dung 4 län­ger und ruhig an, bestä­tigt sich die alte Regel des Aris­to­te­les: „Alles kann immer auch anders sein.“

Wenn Sie an der Sit­zung teil­neh­men, laden Sie bit­te hier den Fra­ge­bo­gen zu Sitzungen/Veranstaltungen von Bil­dung und All­tag.

Die Lite­ra­tur­lis­te wird stän­dig ange­passt. In der Fol­ge ver­wei­sen alle mit Autor/in/name/n plus Jah­res­zahl abge­kürz­ten Ver­wei­se auf die­se Lite­ra­tur­lis­te, die auf www.alltagundphilosophie.com gespei­chert ist – und jede/r/m zur Ver­fü­gung steht.

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Info:
Gene und Evo­lu­ti­on II – Vhs Neckar­ge­münd ist Beitrag Nr. 1254
Autor:
Martin Pöttner am 10. Oktober 2009 um 14:01
Category:
Biologie,Genom,Homo oeconomicus,Mensch und Universum,Ökologie,Was ist der Mensch?,Wie wollen wir leben?,Wirtschaft und Philosophie
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