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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Nach­le­se

Die Bun­des­kanz­le­rin legt Wert dar­auf, dass Josef Acker­mann über das Zustan­de­kom­men jenes Essens nicht zutref­fend im ZDF berich­tet habe. Auch ihre Ant­wort, die Hein­rich­m­ar­tin Kreye mir zuge­sandt hat, unter­stellt die­se Ver­si­on. Der Arti­kel in der SZ von Nico Fried unter­sucht dies mit dem übli­chen Per­so­na­li­ty-Tief­sinn, auf den wei­te Tei­le der Main­stream­me­di­en seit gut zehn Jah­ren her­ab­ge­sun­ken sind. Die Bun­des­kanz­le­rin selbst ist frei­lich zu klug, um die fak­ti­sche Kata­stro­phe jenes von ihr im „Kon­text“ des sech­zigs­ten Geburts­tags von Josef Acker­mann aus­ge­rich­te­ten Abend­essens mit Men­schen aus Bil­dung, Kul­tur, Enter­tain­ment, Wirt­schaft und Poli­tik nicht zu über­se­hen. Daher betont sie, dass es auf „Distanz“ der Funk­ti­ons­eli­ten von Poli­tik und Wirt­schaft ankom­me.

Jenes Essen hat aber offen­sicht­lich eine ganz ande­re Bedeu­tung. Anders als im Wahl­kampf gegen­wär­tig betont, war Frau Dr. Mer­kel eine uner­bitt­li­che Anhän­ge­rin der neo­li­be­ra­len Ideo­lo­gie, wes­halb sie Acker­mann frü­her auch wegen sei­ner Rol­le in der Man­nes­mann-Affä­re ver­tei­digt hat.  Acker­mann wur­de bekannt­lich nicht ver­ur­teilt. Das Wahl­pro­gramm 2005 legt den Sie­ges­zug der neo­li­be­ra­len Ideo­lo­gie offen, der sich in der Uni­on ereig­net hat­te. An der Spit­ze die­ser Bewe­gung stand Ange­la Mer­kel.

In der Tat hat sich Mer­kels Über­zeu­gung offen­bar geän­dert – und dies ist durch­aus respek­ta­bel. Aber die stets wei­ter ver­tei­dig­te 25-%-auf- das-Eigen­ka­pi­tal-Ren­di­te Acker­manns ist eine der Haupt­ur­sa­chen der Finanz­kri­se, jeden­falls die Men­ta­li­tät, wel­che hin­ter die­ser Ren­di­te-Erwar­tung steht. Acker­manns Leh­rer Hans Chris­toph Binswan­ger urteilt in jenem denk­wür­di­gen FAZ-Inter­view fol­gen­der­ma­ßen:

Goe­the hat die Papier­geld­schöp­fung in die Nähe der Alche­mie, der Magie gerückt, die es ver­mag, natür­li­che Abläu­fe wun­der­sam zu beschleu­ni­gen. Herr Acker­mann, Sie haben der Deut­schen Bank das Ziel vor­ge­ge­ben, über einen Kon­junk­tur­zy­klus hin­weg im Schnitt jähr­lich eine Eigen­ka­pi­tal­ren­di­te von 25 Pro­zent zu errei­chen. Das läuft auf eine Ver­dopp­lung des Eigen­ka­pi­tals in weni­gen Jah­ren hin­aus. Vie­len gilt die­ses Ziel als der Inbe­griff von Maß­lo­sig­keit. Den­noch haben Sie es unlängst bekräf­tigt.

Acker­mann: Zunächst ein­mal: Wir spre­chen hier von einer Vor­steu­er­ren­di­te, also gar so schnell ver­dop­pelt sich das Eigen­ka­pi­tal nicht. Außer­dem hat das mit Maß­lo­sig­keit nichts zu tun. Sol­che Ren­di­ten erwirt­schaf­ten die bes­ten Ban­ken der Welt seit vie­len Jah­ren. Wenn eine Bank im Kon­zert der Bes­ten mit­spie­len will – und das ist der Anspruch der Deut­schen Bank -, muss sie auch ver­gleich­ba­re Ren­di­ten wie die Bes­ten erzie­len. Das kommt nicht nur den Aktio­nä­ren zugu­te, son­dern auch Mit­ar­bei­tern, Kun­den und der Gesell­schaft als Gan­zes. Um ein guter Arbeit­ge­ber zu sein, Arbeits­plät­ze zu schaf­fen, Steu­ern zu zah­len oder für gute, sozia­le Zwe­cke etwas tun zu kön­nen, muss man gute Gewin­ne erwirt­schaf­ten. Im Übri­gen: Dank ihrer hohen Ertrags­kraft in den zurück­lie­gen­den Jah­ren war die Deut­sche Bank jetzt in der Lage, die Kri­se ohne staat­li­che Unter­stüt­zung aus der Tasche der Steu­er­zah­ler durch­zu­ste­hen. Natür­lich kann man dis­ku­tie­ren, ob die­ses „faus­ti­sche Stre­ben“ nach immer mehr, immer grö­ßer, immer schnel­ler rich­tig ist. Aber man muss sich dabei auch bewusst sein, dass mit weni­ger Geld­schöp­fung und weni­ger Wachs­tum wahr­schein­lich auch der all­ge­mei­ne Wohl­stand gerin­ger sein wird.

Die Kri­se hat gezeigt, dass es sich bei der ver­meint­li­chen Wert­schöp­fung oft nur um hei­ße Luft gehan­delt hat. Die Buch­wer­te haben sich buch­stäb­lich in Luft auf­ge­löst. Hohe Eigen­ka­pi­tal­ren­di­ten las­sen sich eben nur erzie­len, wenn ein Unter­neh­men mit gro­ßem Kre­dit­he­bel arbei­tet. Kre­dit­ver­ga­be führt zu Geld­schöp­fung, unter Umstän­den zu Spe­ku­la­ti­ons­bla­sen – die schließ­lich plat­zen.

Acker­mann: Des­we­gen ist es ganz wich­tig, Insti­tu­tio­nen zu schaf­fen, die sich mit bedenk­li­chen Ent­wick­lun­gen recht­zei­tig aus­ein­an­der­set­zen und ver­hin­dern, dass Spe­ku­la­ti­ons­bla­sen ent­ste­hen. Sie haben inso­fern recht, als die Ban­ken unter den jet­zi­gen „Spiel­re­geln“ rela­tiv wenig Eigen­ka­pi­tal benö­ti­gen. Nach den Basel-II-Vor­schrif­ten der Bank­auf­se­her müs­sen Ban­ken ihr Geschäft nur mit min­des­tens 4 Pro­zent Kern­ka­pi­tal unter­le­gen. Das erleich­tert es natür­lich, eine hohe Eigen­ka­pi­tal­ren­di­te zu erzie­len.

Ist es nicht so: Für eine hohe Ren­di­te muss man hohe Risi­ken ein­ge­hen?

Acker­mann: Nein, das sehe ich nicht so. Gera­de in Geschäfts­fel­dern, die wenig ris­kant sind, etwa in der Ver­mö­gens­ver­wal­tung oder im Bera­tungs­ge­schäft, benö­tigt man wenig Eigen­ka­pi­tal – bei glei­chem Gewinn ist die Ren­di­te auf einem sol­chen Geschäfts­feld also viel höher als auf Gebie­ten mit hohen Risi­ken, für die die Auf­sicht eine höhe­re Eigen­ka­pi­tal­un­ter­le­gung vor­schreibt. Die Höhe der Eigen­ka­pi­tal­ren­di­te hängt stark vom Geschäfts­mo­dell ab.

Herr Binswan­ger, hal­ten Sie eine Eigen­ka­pi­tal­ren­di­te von 25 Pro­zent für ein rea­lis­ti­sches Ziel?

Binswan­ger: Für Ein­zel­ne ja. Aber nicht gene­rell. Eine solch hohe Ren­di­te lässt sich auf Dau­er nur in einem mono­po­lis­ti­schen oder oli­go­po­lis­ti­schen Markt erzie­len. Für alle Unter­neh­men scheint mir das hin­ge­gen nicht mög­lich, es sei denn, es kommt über Kre­dit­ver­ga­be zu Spe­ku­la­ti­ons­bla­sen. Doch wenn die­se Bla­sen plat­zen, kommt es statt zu Gewin­nen zu Ver­lus­ten.

Acker­mann: Natür­lich kann nicht jedes ein­zel­ne Unter­neh­men oder kön­nen nicht alle Unter­neh­men im Schnitt solch eine Ren­di­te erzie­len!

Die Ein­la­dung für Acker­mann war also durch­aus als Zustim­mung der wich­tigs­ten Akteu­rin der poli­ti­schen Funk­ti­ons­eli­te zu der­je­ni­gen und eine Hom­mage an die­je­ni­ge Per­son zu ver­ste­hen, wel­che für die fal­sche Hal­tung im Finanz­sek­tor ver­ant­wort­lich ist. Acker­mann redet tap­fer an Binswan­gers schar­fem Ein­wand vor­bei. Und Ange­la Mer­kel distan­ziert sich gera­de nicht glaub­wür­dig von ihrer frü­he­ren fal­schen Hal­tung. Die­se Hal­tung hat die schwers­te Wirt­schafts­kri­se seit über 70 Jah­ren ver­ur­sacht.

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Info:
Nach­le­se ist Beitrag Nr. 938
Autor:
Martin Pöttner am 29. August 2009 um 09:31
Category:
Homo oeconomicus,Politik,Was ist der Mensch?,Wie wollen wir leben?,Wirtschaft und Philosophie
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