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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Islam und Terror

Bei den jüngsten Ereignissen in Mumbai bzw. Bombay könnten die Anschläge von muslimischen Terroristen verübt worden sein. Die Nähe zu Pakistan und Afghanistan legt die Hypothese nahe, dass es sich um wahhabitisch inspirierte Terroristen gehandelt haben kann. Dies ist aber bislang nicht belegt. Und die folgenden Ausführungen behandeln das Thema allgemein, ohne Rücksicht auf diese mögliche Hypothese.

Nach dem Anschlag in Madrid wurde im Fernsehen eine Frau gezeigt, die fassungslos sagte: „Sie greifen unsere Lebensform an!“ Man kann sozusagen nicht mehr ungestört und sicher zur Arbeit fahren. Die Selbstverständlichkeit und vorgebliche Unschuldigkeit westlicher alltäglicher Lebensformen wird von vielen Menschen unterstellt. Da die folgenden Ausführungen diese implizite Alltagsthese stark infrage stellen, können sie auf Abwehr und starkes Unverständnis stoßen. Daher verweise ich auf die Huntington - googlebildAnalysen von Samuel P. Huntington, Clash of Civilizations, deutsch: Kampf der Kulturen. Das Buch wurde wenig gelesen oder zumindest nicht genau. Ansonsten wären viele Reaktionen nicht verständlich. Huntington sagt den Niedergang der westlichen Kultur voraus, den Beginn des Niedergangs setzt er am Anfang des 20. Jahrhunderts an. Demgegenüber steigen vor allem die muslimisch bestimmte Kultur und die chinesische Kultur auf. Huntington zählt im Übrigen die Leiden, welche die „westliche Kultur“ den Muslimen und Chinesen zugefügt hat, recht genau auf. Und insofern muss man sich über umgekehrt zugefügte Leiden nicht allzusehr wundern, wie Du mir, so ich Dir… Diese Analyse trifft grob zu. Das Buch hat freilich entscheidende Schwächen.

  1. versteht Huntington wenig von Religionen, sondern hat nur ungenaue Vorstellungen von deren Differenzierungsgrad. Faktisch unterstellt er stets Reichsreligionen als Kern einer Kultur. Aber keineswegs sind alle Religionen immer und nur reichsreligiös. Eine Reichsreligion versucht alle Dimensionen des gesellschaftlichen Lebens klar zu dominieren. Und den Kern der chinesischen Kultur bildet wohl schon im 18. Jahrhundert darüber hinaus nicht mehr eine Reichsreligion. Der Konfuzianismus oder auch der Neokonfuzianismus beispielsweise ist keine Religion.
  2.  Huntington war Berater der Regierungen des älteren Bush und Clintons. Die Schwäche der politischen Eliten der Vereinigten Staaten wird in seinem Buch besonders darin deutlich, dass er die eigentliche Gefahr nicht erkennt, den wahhabitischen Terrorismus, obgleich bei Erscheinen des Buchs (amerikanisch: 1996) dieser schon entstanden war.
  3. ist die geschichtsphilosophische These vom Aufstieg und Niedergang von Kulturen relativ ungenau. Gesetzmäßigkeiten liegen hier nicht vor. Diesen Teil des Buches kann man nach meinem Eindruck eher vernachlässigen. Es ist schon erstaunlich, dass ein Harvard-Spengler - googlebildProfessor am Ende des 20. Jahrhunderts auf den Spuren solcher Geister wie Oswald Spengler wandelte…

In der Folge wird nur eine auf das Thema „Islam und Terror“ bezogene, sehr ausschnitthafte Darstellung des Islam gegeben. Der Islam ist bei heute zwei Milliarden Gläubigen heterogen, nach Konfessionen unterschieden, die Alltagsreligiosität ist hochdifferenziert, wie jüngst für deutsche Muslime der Religionsmonitor der Bertelsmannsstiftung wieder gezeigt hat.

  • In einem ersten Abschnitt beschreibe ich die Reichsreligion der klassischen Phase, wie sie einer gewöhnlichen Lektüre des Korans im Kontext der sozialgeschichtlichen Fakten wahrscheinlich erscheint. Vernachlässigt wird die konkrete Bilderstruktur der muslimischen Religion, die sich wohl noch sehr anders interpretieren lässt, wie die mystischen Interpretationen schon seit dem neunten Jahrhundert der Zeitrechnung zeigen.
  • Der zweite Abschnitt zeigt die wesentlichen Determinanten auf, die zur Ausbildung des wahhabitischen Terrors geführt haben.

I. Die Expansion der arabischen Stämme in der klassischen Phase des Islam

Mohammed tritt nach einer Vorbereitungsphase in Mekka als Prophet (610 u. Z.)
Der Prophet verkündet den allmächtigen und gütigen Schöpfergott, der freilich auch der Richter nach der Auferstehung ist. Ablehnung der Verehrung mehrerer Götter bzw. Göttinnen, wie es in Arabien üblich ist.
Mekka ist ein Wallfahrtszentrum der arabischen Religionen. Insbesondere der Mondgott Hubal wird an der Kaaba Kaabaverehrt. Die übergroße Mehrheit der Mekkaner lehnt Mohammed ab. Der Grund dürfte nicht zuletzt in der Furcht vor wirtschaftlichen Verlusten gelegen haben, wenn die Wallfahrten nicht mehr stattfinden sollten.
Da Mohammed in Mekka wenig Erfolg hat, emigriert er (Hidschra) nach Medina (622 u. Z. [1 i. Z.])
Hier hat Mohammed mehr Erfolg. Ihm wird schnell eine schlichtende Rolle zwischen streitenden Clans zugewiesen. Er erlässt eine Gemeindeordnung, die Ehe und Familie, Erbschaften, Almosen und Sklaverei regelt.
Der Hauptkonflikt in Medina besteht aber zu den jüdischen Clans. Mohammed stößt bei ihnen auf Ablehnung, obgleich er bloß einen Gott verkündigte und deshalb auf jüdische Zustimmung hoffte. Daher auch die relative Übereinstimmung der Muslime mit einem zentralen Bild des Judentums, dem Abrahambild. Die wahrscheinlich ursprüngliche Gebetsrichtung wendet sich nach der Ablehnung von Jerusalem nach Mekka.
Es kommt zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Die jüdischen Clans werden entweder aus Medina ausgewiesen oder „ausgeschaltet“, indem alle Männer getötet, Frauen und Kinder versklavt werden.
Nach mehreren Anläufen erobert Mohammed schließlich seine Heimatstadt Mekka (630 u. Z./9 i. Z.). Hinzu kommen weitere Streifzüge und kriegerische Auseinandersetzung mit Beduinen, aber auch mit dem byzantinischen Reich. Nach militärischen Siegen gewinnt Mohammed die Oberhoheit über die arabischen Stämme der Halbinsel.

Ausgangspunkt der muslimischen Expansion - Atlas der Geschichte des Islam, Darmstadt 2001
 
Grafik 1: Der Ausgangspunkt der Expansion der arabischen Stämme unter Mohammed, arabische Halbinsel. Die lila gefärbten Bereiche stellen das Byzantinische Reich dar, die braun gefärbten Bereiche das persische Sassanidenreich.

 

Nach dem Tod Mohammeds streiten sich seine Anhänger darüber, ob es überhaupt einen Nachfolger geben kann.

  • Abu Bakr (632-634 u. Z./11-13 i. Z.)
  • Omar ibn al-Chattab (634-644)
  • Othman ibn Affan (644-656)
  • Ali ibn Abi Talib – Schwiegersohn Ali-Moschee in Nadschaf, heute IrakMohammeds (656-661)

In dieser Phase ist die schriftliche Fassung des Korans abgeschlossen. Ergänzung durch Hadith (Traditionen) und pragmatische Rechtsvorschriften, die nicht im Koran enthalten sind.
Mit Ali ist die erste große Krise des Islam erreicht. Schon unter Othman wurden für wichtige Positionen Mitglieder der Sippe Omaiya bevorzugt, die dem Stamm Mohammeds (Quraisch) angehört. Ali wehrt sich dagegen, es kommt zu Bürgerkriegen. In der Folge spaltet sich der Islam in die Partei Alis (Schiiten) und die Hauptgruppe (Sunniten).
Die Sunniten werden in der Folge durch die Kalifen aus der Sippe der Omaiya repräsentiert (662-750).

Expansion bis 750 d. Z. - Atlas der Geschichte des Islam

 Grafik 2: Expansion der arabischen Stämme unter den Omaiyaden bis Spanien und Indien.

Es findet eine starke weitere Expansion des Islam bis nach Spanien und Indien statt. Beginn der islamischen Wissenschaft, darunter Mathematik, Medizin und Philosophie. Reichshauptstadt ist jetzt Damaskus.
Die Schiiten bleiben in der Minderheit, sind auch militärisch erfolglos. Ausbildung einer Märtyrer- und Büßerreligiosität:
Ali wird 661 ermordet (Nadschaf – Pilgerreisen mit Selbstverletzungen zum dortigen Schrein)
Al-Husain, Sohn Alis; Kampf bei Karbala gegen die Omaiyaden. 680 Niederlage und Tod. Pilgerreisen mit Selbstverletzungen zum Schrein in Karbala bzw. Kerbela.
Die Schiiten bestehen darauf, dass ein legitimer Nachfolger des Propheten Mohammed von ihm direkt bzw. seiner Tochter Fatima abstammen müsse. Diese war mit Ali verheiratet. Daher erkennen die Schiiten die ersten drei Nachfolger Mohammeds nicht an. Nur Ali ist legitim. Er gehört derselben Sippe wie Mohammed an (Haschim).

Soziale Struktur: Arabische Stämme und Sippen

Mohammed gelang es die arabischen Stämme zu einen. Unter den ersten vier Nachfolgern (Kalifen) und dann den Omaiyaden bildet sich eine große Reichsstruktur aus. Nicht zuletzt große Städte wie Damaskus, Basra und Kerbala werden wichtig.
Schon der Prophet war Staatenlenker, das wird unter seinen Nachfolgern noch stärker. Zwar war es nicht unumstritten, ob der Islam sich durch Krieg ausbreiten soll. Aber faktisch ist dies so gekommen. Der Islam ist aufgrund des großen kriegerischen Erfolgs der arabischen Stämme zu einer Weltreligion geworden.
Dadurch ist die Religionsstruktur des Islam geprägt. Er regelt als Religion auch die politische Herrschaft. Schärfster Ausdruck dieses Sachverhaltes ist die Spaltung des Islam in Sunniten und Schiiten, die an der Frage der Legitimität von Herrschaft aufbricht. Die Machtfrage wird immer durch Clan- bzw. Sippenstrukturen mitentschieden, mit den entsprechenden Intrigen und Morden, schon zur Zeit Mohammeds.
Der Islam knüpft hierbei wohl an ein altorientalisches Muster an:
Der Herrscher sorgt letztlich für Recht und Ordnung, für Gerechtigkeit und den Schutz der Schwachen. Zumindest in der Auseinandersetzung mit den Herrschern Persiens, den Sassaniden ist der Islam mit einem derartigen Ideal konfrontiert worden. Die Struktur der byzantinischen Reichsreligion weist in Oberhaupt von Staat und Kirche eine auffällige Strukturparallele auf. Aber auch die jüdische Bibel enthält teilweise diese Auffassung (David). Allerdings kritisierten die Propheten hier diese Herrschaftsauffassung, während im Islam der Prophet allmählich zum Herrscher wurde.
Für die formative Phase des Islams ist jedenfalls klar, dass politische Herrschaft zugleich religiös ist und umgekehrt.
Ob das das letzte Wort sein muss, bleibt offen. Denn die muslimische Gemeinschaft ist in der Tendenz nicht-hierarchisch. Es gibt keine Priester o. ä. Die Vorbeter (Imame) bei den Sunniten haben keine herausgehobene Funktion, sondern sorgen nur dafür, dass angemessen gebetet wird.
Nur die ersten vier Kalifen werden in der Sunna als rechtgeleitete Imame anerkannt, die das Recht schützen, den unumgänglichen Krieg führen usf. Dann entwickelte sich eine eher „weltliche“ Herrschaft, jedenfalls keine rechtgeleitete. Prinzipiell kann daher wohl das göttliche Recht und seine Befolgung durch die Glieder der Umma an die Stelle eines Herrschers treten.
Möglicherweise sieht das in der Schia anders aus. Hier schreibt man den Imamen größere Bedeutung zu.
Die muslimischen Glaubenden bedürfen nach schiitischer Auffassung der ständigen Betreuung durch einen unfehlbaren Imam, der auch als sündlos vorgestellt wird. Nach einer Version hat es bisher 11 derartige Imame in der Nachfolge Alis gegeben, der 12. Muhammad ibn Hasan ist zurzeit verborgen und wird einst als gerechter Herrscher erscheinen (Mahdi).
Die Erwartung eines derartigen messianischen Herrschers ist in der Schia erheblich wichtiger als in der Sunna.
Wie in einer Sippenstruktur nicht anders erwartbar, ist die Rolle der Frauen im Islam patriarchal bestimmt. Erst in neuerer Zeit gibt es sowohl im Iran als auch in sunnitisch bestimmten Ländern Versuche dies zu verbessern. Religiöse Führungsrollen sind aber m. W. bislang noch nicht in Sicht.
Dem Koran zufolge darf ein Mann vier Frauen heiraten, wenn er sie gleich behandelt. Scheidung ist möglich, durch Entlassung der Frau seitens des Mannes, wechselseitiges Einverständnis oder auch durch Richterspruch. Dabei kommt es zur finanziellen Entschädigung der Frau.
Sexualität ist auf die Ehe beschränkt. Homosexualität wird abgelehnt.

Kritische Würdigung des klassischen Islam

Der Koran und auch der klassische Islam kennt den „Terror“ im heutigen Sinn nicht, freilich erlaubt er wie die reichsreligiösen Varianten von Judentum und Christentum die Kriegführung. Der Koran kennt keine pazifistische Position wie sie etwa in der christlichen Bergpredigt  oder im alexandrinischen Judentum vorliegt. Aber die Ungebildeten unter den Verächtern des Islam fordern aktuell etwas ein, was sie selbst gar nicht leisten wollen, sie selbst treten ja für Kriegführung ein. Nur Pazifist/inn/en dürfen daher glaubhaft die klassische reichsreligiöse Position des Islam kritisieren.

Wer 2003 die ausgezeichnete Ausstellung im Aachener Dom ex oriente lux besuchte, konnte sinnlich eindrücklich wahrnehmen, wie fortgeschritten die muslimische Kultur im Vergleich zu derjenigen Kaiser Karls war. Dieser Vorsprung in Wissenschaft und Technik konnte nur bis ins 12. Jahrhundert verteidigt werden, danach setzte auch in Westeuropa ein Bildungs- und Wissenschaftsschub ein, der freilich mit einer stärkeren Autonomisierung des Wissenschaftssystems in großen Städten wie Paris und London einherging. Demgegenüber erlebte die überlegene muslimische Kultur vor allem in der Krise um Ibn Rushd Ibn Rushd - wikipediabild(Averroës [1126-1198) einen schweren Einbruch, seine Bücher wurden verbrannt. Es kam nicht zu einem Ausgleich von aristotelischer Philosophie und Koran, welchen er angestrebt hatte. Diesen Weg verfolgte dann durchaus auf den Spuren des Ibn Rushd vor allem Thomas von Aquin (1225-1274)Thomas von Aquin - Wikipediabild. Er brachte gedanklich die europäische Kultursynthese zustande, die Politik, Wirtschaft, Religion und Wissenschaft aufeinander bezog, ohne eine Seite dominant zu setzen. In diese europäische Kultursynthese bezog er selbstverständlich neben den Griechen auch die Juden und Muslime ein. Alle diese kulturellen Gestalten sind in Abstufungen Offenbarungen Gottes, welche sich natürlich in den Wahrheiten der Römischen Kirche am stärksten zeigt. Aber die Bedeutung von Thomas liegt darin, dass er hier ein klares Differenzbewusstsein zwischen Wahrheit überhaupt und kirchlicher Wahrheit hatte. Dies führte in der Folge zu einer stärkeren Autonomisierung des Wissenschaftsbetriebs, durch den insbesondere von William von Occam (1285-1347) William of Occamvorangetriebenen Nominalismus kam es zu einer empirischen Wende, die schließlich die moderne Wissenschaft, welche anwendungsorientiert ist, hervorbrachte. Diesen Differenzierungs- und Weiterentwicklungsprozess durchliefen die muslimisch bestimmten Gesellschaften nach der Krise um Ibn Rushd nicht – und dies führte letztlich zum Vorsprung Europas und dann auch Nordamerikas gegenüber den muslimisch bestimmten Gebieten, aber ebenso gegenüber China.

II. Strukturelle Vorbedingungen und Entstehung des (wahhabitischen) Terrors im Islam

Auch in schiitischen Gruppen sowie in der Folge der in Ägypten entstanden Muslimbrüderschaft gibt es Terror. Aber letztlich ausschlaggebend ist der wahhabitische Terror geworden, die strukturellen Vorbedingungen bei den anderen Terrorgruppen sind gleich.

Die Entstehung der gespaltenen Grundstruktur im Islam

Im 19. Jahrhundert setzte sich in den europäischen Staaten mit zeitlichen Verschiebungen die industrielle Produktionsweise durch. Sie hing von den Wissenschaften Physik und Chemie ab, die technische Erfindungen ermöglichten. Dadurch entstanden ökonomische Kerne, die um bestimmte Maschinentypen wuchsen. Vor allem die Dampfmaschine und die Eisenbahn, dann das elektrische Licht und das Telegrafenwesen erhöhten sehr die Produktivität wirtschaftlicher Aktivitäten.
So entstanden starke Wirtschaftsbereiche, die andere nach sich zogen – und langsam verbesserte sich auch die Lage der breiten Bevölkerung, insbesondere der Arbeiterschaft. Der wissenschaftlich-wirtschaftlich-technische Erfolg gab den europäischen Staaten oft ein nationales Selbstbewusstsein, sodass man nach außen strebte und andere Länder unterjochte und ausbeutete: Es war das Zeitalter des Kolonialismus und Imperialismus.
Führend waren natürlich England und Frankreich. Auch Italien war aktiv und natürlich das rückständigere Russland. Deutschland strebte nach der Reichsgründung ebenfalls nach einem Platz an der Sonne, der eben in der Hoffnung auf wirtschaftliche Prosperität auf Kosten der weniger leistungsfähigen Völker bestand. Diese hatten es auch nicht besser verdient, so glaubte man.
Auch die islamisch bestimmte Welt gehörte zu den zurückgebliebenen Weltteilen. Die muslimische Hochkultur seit 700 d. Z. bis etwa 1300 d. Z. mit ihren Großreichen, in denen Wissenschaft und Technik blühten, bestand nicht mehr, wenn man vom Sonderfall des Osmanischen Reiches absah. So wuchs die Begehrlichkeit Arabien, den Mittleren Osten und den Kaukasus und entsprechende Bereiche Indiens europäisch in Besitz zu nehmen.
Dies blieb nicht ohne Widerstand. Er richtete sich z. T. gegen die Besatzer selbst, führte aber auch innerhalb islamisch bestimmter Gesellschaften sehr oft zu Konflikten zwischen gemäßigteren und radikaleren Varianten des Islam.

  • Die stärker auf Selbstständigkeit pochenden Kräfte versuchten einen möglichst reinen Islam darzustellen,
  • während die Kräfte, die mit den überlegenen Europäern lieber kooperieren wollten, versöhnlicher agierten.

Innerislamische Konflikte seit der Kolonialzeit - Atlas der Geschichte des Islam
Grafik 3: Innerislamische Konflikte und Aufstände gegen die Kolonialmächte

Man kann sagen, dass im 19. Jahrhundert das Strukturmuster entstanden ist, das auch die Gegenwart noch bestimmt. Es geht innerislamisch um eine Neubestimmung des Islam zwischen Modernisierungsversuchen und islamistischen Reaktionen. Diese innerislamischen Streitigkeiten bzw. Spaltungen, die z. T. blutig verlaufen, gibt es aber vor allem vor dem Hintergrund des begehrlichen Einflusses der technisch, wirtschaftlich und militärisch überlegenen europäischen Mächte, heute der westlichen Staaten.
Solcher Einfluss wird von den Islamisten radikal abgelehnt, von manchen Eliten in den muslimisch bestimmten Gesellschaften aber für sie selbst auszunutzen versucht.

Die neueste Zuspitzung: “Westliche“ Dominanz und terroristische Reaktion

Die schon erwähnte wahhabitische Richtung ist der Grundtypus islamistischer Orientierungen. In der einen oder anderen Form wird versucht, den Anfangszustand der koranischen, von Mohammed bestimmten Religion zu konservieren bzw. wiederherzustellen.
Der Wahhabismus ist eine saudiarabische Entwicklung, spielt aber dann in der afghanischen Entwicklung eine große Rolle und ist in Osama bin Laden an der Entstehung des Al Kaida-Terrorismus beteiligt.
Der Gründer ist Mohammed Ibn Abd al Wahhab (1703-1792).
Als Basis der Lehre gelten ausschließlich Koran und Hadith. Erlaubt ist nur, was der Koran erlaubt und nicht ausdrücklich verbietet. Der Wahhabismus tritt dabei gegen jede Form von Neuerung ein. Darunter fällt auch die Schia mit ihrer Verehrung von Märtyrergräbern.
Entsprechend sind Feuerwaffen, Tabak und andere Dinge bis hin zum Telefon verboten, weil sie zurzeit des Propheten Mohammed noch nicht existierten. Das Ideal besteht darin, die Verhältnisse zurzeit des Propheten zu erhalten bzw. zu restaurieren.
Das saudische Königshaus hat diese Lehre zur Doktrin Saudiarabiens erklärt. Durch die Wallfahrten nach Mekka sollte sie verbreitet werden.
Die Spannung in dieser Konstruktion liegt offen zu Tage: Mit der Entdeckung von größeren Ölvorkommen in Saudiarabien lässt sich die wahhabitische Doktrin im Kern nicht mehr aufrechterhalten.
Aus dieser Spannung entwickeln sich brisante weitere Elemente im modernen Islam, weil jetzt die moderne Form von Fundamentalismen entwickelt wird, beharrlich die Wirklichkeit in klar gut und schlecht zu unterscheiden – und zugleich offensiv Teile der Wirklichkeit und des eigenen Handelns verleugnen zu müssen. Dies ist genauso der Fall bei den protestantischen Fundamentalisten in den USA.
Nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Weltgeschichte überwiegend durch den „Ost-West-Konflikt“ bestimmt. Insbesondere die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion konkurrieren heftig um Einflusssphären. Als einfache Regel galt: Mein Feind ist auch Dein Feind. Dann sind wir jedenfalls zeitweise Freunde.
Die Sowjetunion beherrschte Afghanistan. Aber das dortige von ihr gestützte Regime gerät in den 70er Jahren unter den Druck von sunnitischen muslimischen Rebellen. Um diesen Konflikt zu entscheiden, marschiert die Sowjetunion 1979 in Afghanistan ein und erlebt ein militärisches Waterloo. Die Vereinigten Staaten fördern die muslimischen Rebellen, darunter auch Söldner, von denen einer der Industriellensohn aus Saudiarabien Osama bin Laden ist. Diese erringen die Macht.
Nicht zuletzt wird die extreme BurkaVerschleierungsform der Burka eingeführt. Auch hier handelt es sich um eine Reaktion auf eine „Verwestlichungs“-Tendenz. Die Taliban stellten sich das im Koran Gemeinte eben so vor.
Der Frieden zwischen dem muslimischen Söldner Osama bin Laden und den Vereinigten Staaten hielt bis 1990.
Damals marschierte Saddam Hussein vom Irak aus in Kuwait ein. Da bin Laden die „säkulare“ Herrschaft der Baath-Partei im Irak ablehnte, bot er Kuwait (und implizit den Amerikanern) an, mit seinen Söldnern Osama bin Laden - wahhabitisch gekleidetSaddam Hussein aus Kuwait zu vertreiben. Die USA lehnten ab, danach erklärte bin Laden den Vereinigten Staaten den „Heiligen Krieg“, weil diese ihre Truppen in der Nähe der heiligen Stätten des Islam stationierten. Wie das Buch von Huntington schlagend zeigt, wurde das schlichtweg nicht ernst genommen oder beachtet.
11. September 2001Am 11. September 2001 griffen einige Anhänger Osamas die USA in New York und Washington an. Nicht nur das Weiße Haus und das Pentagon waren ihre Ziele — als Symbole der politischen und militärischen Macht der Vereinigten Staaten. Al Kaida hatte schon früher einen Anschlag auf die Twin Towers als Symbolen des amerikanischen Kapitalismus im Sinne des harten Kerns der „westlichen Kultur“ unternommen.
An sich ist der Islam nicht „wirtschaftsfeindlich“. Mohammed war zunächst Kaufmann, der orientalische Basar ist sprichwörtlich …
Abgelehnt wird nur eine Gesellschaft, in der sich Reichtum immer ausschließlich in eine Richtung bewegt. Daher das Zinsverbot (z. B. Sure 2,275), das der Islam mit der Tora (2. Mose 22,25-27) und der Bergpredigt (Mt 5,42) teilt.
Wichtiger als das Reichtumsproblem ist aber nach meinem Eindruck, dass die koranische Religion nicht mit einem System vereinbar ist, das alle Kommunikations-Beziehungen auf den Waren- bzw. Geldaustausch konzentriert. Ähnliche Einsichten gibt es in Judentum und Christentum, wenn der „Markt“ als „Götze“ verstanden wird, der mit dem einen verehrten Gott in Konkurrenz tritt.

Entwicklungsstandards - Le Monde diplomatique
Grafik 4: Die Entwicklungsstandards zeigen, dass die muslimisch dominierten Länder überwiegend nicht zu den entwickeltsten gehören.

Solcher Terror tritt nur dann ein, wenn eine unterlegene Gruppierung nicht glaubt, mit den üblichen Mitteln ihre Unterlegenheit ausgleichen zu können. Dem „Westen“ wird entsprechend auch Russland zugerechnet bzw. dieser Macht wird ähnlich gegenüber agiert. Entsprechend gibt es durchaus auch in Tschetschenien muslimisch inspirierten Terror. 
Terrorzentren und fossile Brennstoffe
Grafik 5: Überzufällige Entsprechung von Terrorzentren und Förderzentren von fossilen Brennstoffen
Gegen Terroristen kann schwerlich Krieg geführt werden, noch weniger wird er gewonnen. Die Strategie ist daher denkbar einfach, Ablassen vom Neokolonialismus und Änderung der Energiestrategie hin zu erneuerbaren Energien. Damit können auch die wirtschaftlichen Probleme der westlichen Gesellschaften angegangen werden, die Klimakatastrophe erfordert dies ebenfalls.

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Info:
Islam und Terror ist Beitrag Nr. 151
Autor:
Martin Pöttner am 30. November 2008 um 16:57
Category:
Religion und Mystik
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1 Kommentar »

  1. Amarok

    auf dieser seite http://www.koranisch.de oder http://www.koranish.com könnt ihr eine menge über islam und wissenschaft lernen und über frieden im islam und auch über den propheten moses und jesus s.v.s 🙂 hoffe das ihr mit diesen informationen auf dieser webseite auf einer gesunden plattform mit einem anderen feldblick über dieses thema diskutieren könnt 🙂 menschen mögen es zu diskutieren… aber man sollte für solche themen wie religion ein grossen besitz an wissen haben.

    mit freundlichen grüssen
    amarok

    #1 Comment vom 01. März 2009 um 16:25

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