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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Der 11.09.2001 und die Pro­vo­ka­ti­on Stock­hau­sens

Eine inter­es­san­te und unkon­ven­tio­nel­le, auf Scho­pen­hau­er, Nietz­sche zurück­grei­fen­de Debat­te um eine Äuße­rung des Kom­po­nis­ten Karl-Heinz Stock­hau­sen, geführt im Trans­at­lan­tik­blog.

Noch­mals: Stock­hau­sen zum 11.September

UPDATE 12.09.2009: Einen bit­te­ren Kom­men­tar auf die­sen Blog­bei­trag neh­me ich zum Anlass, den Arti­kel zu prä­zi­sie­ren. Prä­zi­sie­ren heißt nicht ändern, son­dern detail­lie­ren. Auch wenn mich der har­sche Ton der Kri­tik nicht gefreut hat, bedan­ke ich mich inso­fern dafür, als ich mir noch­mals wei­ter­ge­hen­de und viel­leicht klä­ren­de Gedan­ken machen konn­te. Die Kri­tik lau­te­te:

Wenn Sie mal lesen wol­len, wel­cher Blöd­sinn in der Blo­go­sphä­re manch­mal geschrie­ben wird, schau­en Sie sich den heu­ti­gen Arti­kel des ‚Trans­at­lan­tik­blogs‘ zum 11. Sep­tem­ber an.

Der Gedan­ken­gang die­ses Arti­kels ist falsch, absto­ßend und zynisch. Die Rea­li­sie­rung mons­trö­ser Phan­ta­si­en, die das Töten von Men­schen zum Inhalt haben, ist Kunst? Der Holo­caust war Kunst? Ausch­witz – ein Hap­pe­ning? Sel­ten so einen ärger­li­chen Blöd­sinn gele­sen. Mar­kus Wich­mann.‘

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Eine Woche nach den ver­hee­ren­den Anschlä­gen des 11. Sep­tem­ber gab der Kom­po­nist Karl-Heinz Stock­hau­sen dem Nord­deut­schen Rund­funk ein Auf­se­hen erre­gen­des Inter­view.

Dar­in sprach er vom Kunst­cha­rak­ter des Anschlags:

Also – was da gesche­hen ist, ist natür­lich – jetzt müs­sen Sie alle ihr Gehirn umstel­len – das größt­mög­li­che Kunst­werk was es je gege­ben hat, dass also Geis­ter in einem Akt etwas voll­brin­gen, was wir in der Musik nie träu­men könn­ten, dass Leu­te zehn Jah­re üben wie ver­rückt, total fana­tisch für ein Kon­zert und dann ster­ben.

Das ist das größ­te Kunst­werk, was es über­haupt gibt für den gan­zen Kos­mos. Stel­len sie sich das doch vor, was da pas­siert ist, das sind Leu­te, die sind so kon­zen­triert auf das, auf die eine Auf­füh­rung und dann wer­den 5000 Leu­te in die Auf­er­ste­hung gejagt in einem Moment. Das könn­te ich nicht. Dage­gen sind wir gar nichts als Kom­po­nis­ten […]'“

Hier kön­nen Sie mehr lesen. Der Autor ist Micha­el Kachel.

« Wozu noch Marx? – Ein schwar­zes Loch? »

Info:
Der 11.09.2001 und die Pro­vo­ka­ti­on Stock­hau­sens ist Beitrag Nr. 50
Autor:
Martin Pöttner am 15. September 2008 um 19:45
Category:
Alltag,als Künstler/in,Kultur,Was ist der Mensch?,Was ist Philosophie?,Zeichen und Philosophie
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1 Kommentar »

  1. Martin Pöttner

    <p>In der Äuße­rung Stock­hau­sens zeigt sich ein recht typi­sches Pro­blem: Was ist ? Die Ambi­va­len­zen und Ambi­gui­tä­ten im deut­schen Aus­druck „Kunst“ gehen auf das Gegen­über der grie­chi­schen Aus­drü­cke τέχνη (tech­ne) und αἴσθησις (ais­the­sis) zurück, das latei­ni­sche Wort zeigt die glei­che Span­nung wie das deut­sche Wort „Kunst“. Ähn­lich ist das eng­li­sche Wort ambi­va­lent bestimmt
    Wird wie bei Stock­hau­sen und Kachel die Welt­thea­ter­me­tapher bemüht, dann ist der „ästhe­ti­sche“ (αἴσθησις [ais­the­sis]) Aspekt vor­herr­schend, wie wird es wahr­ge­nom­men – eine rezep­ti­ons­äs­the­ti­sche Betrach­tungs­wei­se. Zugleich aber zeigt die Beto­nung der jah­re­lan­gen Vor­be­rei­tung bzw. Übung für den Auf­tritt auch eine pro­duk­ti­ons­äs­the­ti­sche Poin­te ([τέχνη, tech­ne;]). Die Tech­ne-Poin­te bezieht sich auf das kunst­fer­ti­ge Zustan­de­kom­men durch Han­deln, wobei seit der klas­si­schen Phi­lo­so­phie von Aris­to­te­les und Pla­ton gilt, dass sol­ches Han­deln zwar regel­ge­lei­tet ist, aber den Erfolg nicht sicher­stel­len kann.
    In bei­der­lei Sinn spricht – oder sprach – man auch vom Krieg als Kunst­werk, der in die­sem Sinn „kunst­ge­recht“ zustan­de­kom­men kann, aber in jedem Fall eben­falls ein – erschre­cken­des (?) – „Schau­spiel“ dar­stellt. So scheint mir der Haupt­hin­ter­grund der Äuße­rung von Stock­hau­sen zu sein.
    Nun kann man die Fra­ge stel­len, ob Krieg oder ein der­ar­ti­ger Anschlag, der sich ja als krie­ge­ri­scher Akt ver­stan­den hat („Dschi­had“ in einem nicht­me­ta­pho­ri­schen Sinn) zutiefst unsitt­lich sei. Dann ist wei­ter die Fra­ge, ob nur sitt­li­che Hand­lun­gen als Kunst­wer­ke gel­ten und wahr­ge­nom­men wer­den sol­len.
    An der Abwä­gung und Bewer­tung die­ser ver­schie­de­nen Aspek­te ent­schei­det sich der Wert der Äuße­rung Stock­hau­sens. Stock­hau­sen hat im Übri­gen betont, er wol­le damit nicht den Anschlag auf die Twin Towers recht­fer­ti­gen. Ganz all­ge­mein möch­te ich hin­zu­fü­gen, äußern sich Künstler/innen oft sehr poin­tiert. Hier die sitt­li­che Keu­le her­aus­zu­ho­len, scheint mir wenig sinn­voll zu sein.

    #1 Comment vom 17. September 2008 um 09:38

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