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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


16. Juli 2016

§ 11 Die Bergpredigt (Mt 5-7)

Inhalt

  1. Hinführung.
  2. Typen der Bergpredigtauslegung.
  3. Die Bergpredigt als Weisheitslehre in Redenform..
  4. Die sittlichen Radikalismen der Bergpredigt
  5. Das religiöse Zentrum der Bergpredigt
  6. Der dualistisch gebrochene Lohngedanke.
  7. Rückfragen und Erwiderungen

 

 

1.    Hinführung

Die „Bergpredigt“ in Mt 5-7 gehört sicher zu den eindrucksvollsten Texten. Sie besitzt in Lk 6 eine Parallele, die sogenannte „Feldrede“ – weil Jesus hier nicht mit seinen Schülern auf „dem“ Berg steht und zur Volksmenge spricht, sondern auf ebener Erde. (more…)

10. Juli 2016

§ 10 Erfolgsgeschichten

 

  1. Hinführung
  2.  Das lukanische Doppelwerk
  3. Die Editoren der Präkanoinischen Edition
  4. Das Abendmahl in erfolgsgeschichtlicher Perspektive
  5. Rückfragen

1. Hinführung

Für das Sprechen von „Erfolg“ ist ausschlaggebend, dass in einem Prozess ein positives „Ziel“ erreicht wird, das den Erwartungen von uns oder an uns entspricht. Und wenn man dieses „Ziel“ einigermaßen erreicht hat, kann man immer noch im Sinne Oliver Kahns sagen: „Wenn ich oben bin, ist nicht alles, was ich gemacht habe, richtig.“ (more…)

6. Juli 2016

Veranstaltungen in Darmstadt (TUD)

 

2.   Bergpredigt

Wir erinnerten uns, dass die Fragen der Gerechtigkeit im Verhältnis der Glaubenden zu ihren Gefühlen wie „Zorn“ usf. bestimmt werden.

Weiter versicherten wir uns erneut, dass auch die „Bergpredigt“ ein Fall der Auslegung der „Gesetze der Väter“ ist und dadurch auch das Verhältnis zum Römischen Staat bestimmt ist.

Den Hauptteil der Sitzung versuchten wir zu klären, ob und ggf. warum junge Leute von heute offen oder nicht offen für die Bergpredigt sind – und hielten zunächst fest, dass der/diejenige, die/der sein/ihr Leben streng an den wirtschaftlichen Erfordernissen und der vermuteten Nützlichkeit für sich selbst orientiert, sich weniger offen für die Bergpredigt zeigen könnte. Das müssen wir beim nächsten Mal noch genauer besprechen.

Veranstaltungen in Darmstadt (TUD)

1.   Bibelkunde Paulus

Hauptsächlich wurden die echten Paulusbriefe erläutert, wobei der Gal-, der Römer- und der 1. Korintherbrief im Vordergrund der Aufmerksamkeit. Diese Texte können aus der Perspektive der Deutero- (Epheser, Kolosser) oder der Trito-Paulinen (1./2. Timotheus, Titus) überarbeitet sein.

Biografisch nahmen wir Gal 1 wahr, mit den Erwähnungen von Verfolgung der Urgemeinde, Vision des Aufgestandenen Gekreuzigten und der Berufung zum Heidenmissionar. Aus Röm 15 nahmen wir die Beschreibung der paulinischen Wege wahr, über Kleinasien, den Balkan, Griechenland, Rom bis hin nach Spanien. (more…)

2. Juli 2016

§ 9 Einführung in die Hermeneutik des Neuen Testaments

  1. Hinführung
  2. Das Evangelium der verzweifelten Lebenssituationen: Matthäusevangelium (Mtev)
  3. Dualistische Rekonstruktion und Dekonstruktion des Opferbildes: Der Hebräerbrief
  4. Die Sieger und Verlierer – und diejenigen, die immer schon verloren haben: Die Apokalypse (Offenbarung) des Johannes
  5. Das Abendmahl aus dualistischer Perspektive: Matthäusevangelium
  6. Rückfragen

Dabei liegt m. E. auch den lehrhaften Konzeptionen eine elementare erzählerische, narrative Struktur zugrunde. Aristoteles hat in seiner Poetik nüchtern festgestellt, Erzählungen besäßen einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Für dualistische Erzählweisen gilt dann, dass in derartigen Erzählungen am Anfang, in der Mitte und am Ende immer ein kontradiktorischer Gegensatz zwischen einer positiven Größe und einer negativen Größe vorliegt: Das Eine ist das ausschließende Gegenteil des Anderen –  und umgekehrt. Wenn man eine derartige Position ausdrücken will, sie kommunikativ präsent m möchte, muss man über  die gewöhnliche Sprache hinausgehen. Logische Korrektheit ist dann völlig unzureichend. Dualistische Perspektiven lieben das Paradox, den tatsächlich ausgedrückten kontradiktorischen Widerspruch. Das ist rhetorisch erlaubt und üblich. Entsprechend ist die Bilderwelt von einer faszinierenden bizarren Widersprüchlichkeit: die Welt ist aus den Fugen geraten: (more…)

29. Juni 2016

Veranstaltungen in Darmstadt (TUD)

 

2.   Bergpredigt

Wir versuchten, den Zusammenhang der „Selig(Glücklich)preisungen mit dem gesamten Text der Bergpredigt zu verstehen. Dabei fiel uns 7,12 ins Auge, wo die Ausführungen seit 5,21 zusammengefasst werden, in der „Goldenen Regel“. Natürlich ist das Friedenstiften mit 5,37-48 zusammen. Die Gerechtigkeitsthematik wird sei 5,20 immer angesprochen, auch in 6,33. Die Armutsthematik wird insbesondere in 6,19ff explizit. Die Sanftmut gehört zu 5,37ff. Das Erbarmen ist u. a. in 6,1ff präsent. Das Trauern bezeichnet jedenfalls auch eine sensible Haltung angesichts der Weltverhältnisse, die noch nicht durch das Reich der Himmel ganz bestimmt sind, wozu auch die Verfolgungen gehören. Das „reine Herzen“ ist sicherlich insbesondere in 6,1ff gemeint, wo abgelehnt wird, vor den Anderen zu glänzen (vgl. auch 5,16), aber auch die Passage über den Ehebruch und das Schwören können dem zugeordnet werden. Insgesamt sind die Selig(Glücklich)preistungen also als Prolog der Bergpredigt zu lesen. Wir wandten uns dann nochmals der Captatio benevolentiae in 5,13-16 zu, in der das Publikum gelobt wird – und in den Stand versetzt wird, das alles zu tun (Salz der Erde/Licht der Welt). Ebenso wird darauf hingewiesen, dass die „schönen“ bzw. guten Werke dem Glanz Gottes dienen sollen, nicht dem eigenen Glänzen. (more…)

Veranstaltungen in Darmstadt (TUD)

 

1.   Apostelgeschichte

Zunächst hielten wir fest, dass die Apostelgeschichte (Apg) der zweite Band bzw. das zweite Buch des lukanischen Doppelwerks ist (Apg 1,1-3) – und daher die Evangeliensammlung und den Praxapostolos (Taten der Apostel) übergreift (vgl. die bildliche Darstellung in der Zusammenfassung zum 26.04.). Dann versuchten wir zu verstehen, dass das Erzählprogramm, das in Luk 24 angedeutet ist und das lukanische Doppelwerk als Fortschreibung der Heiligen Schriften der Juden und Jüdinnen versteht bis Apg. 28 geht, wo Paulus mit den Ältesten der jüdischen Gemeinde von Rom diskutiert. Dabei geht es jedenfalls auch darum, festzuhalten, dass die christliche Auslegung der Heiligen Schriften der Jüdinnen und Juden nicht ohne Alternative ist. (more…)

27. Juni 2016

Bibelkunde Heidelberg – das Buch Josua

1.   Vordere Propheten/Deuteronomistisches Geschichtswerk

Das Buch Josua ist in einen größeren Zusammenhang eingebettet, er heißt „Deuteronomistisches Geschichtswerk“ – und ist deshalb interessant, weil Sie deshalb einen groben Überblick über die Texte bis zum 2. Königebuch erhalten, jedenfalls über einiege Grundzüge, die typisch sind.

Bezeichnung

Mit dem Buch Josua beginnt ein Abschnitt, der in der jüdischen Tradition „vordere Propheten“ genannt wird. Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch hat sich für diesen Textkomplex die Bezeichnung „Deuteronomistisches Geschichtswerk“ (DtrG) eingebürgert, wobei mitunter auch das Deuteronomium zu diesem Komplex gerechnet wird. Das Buch Rut steht zwar zwischen Richter- und Samuelbuch, gehört aber ursprünglich nicht zu diesem Textkomplex; in der jüdischen Tradition steht es bei den Festrollen, Megillot. (more…)

26. Juni 2016

Einführung in die Hermeneutik des Neuen Testaments VIII

  1. Hinführung: das Problemgeschichtenmodell
  2. Paulus
  3. Markus.
  4. Johannes.
  5. Das Abendmahl im Horizont der Problemgeschichte
  6. Rückfragen

 

1.   Hinführung: das Problemgeschichtenmodell

Es geht im Christentum um Erlösung, was in den drei „ethischen“ Religionen nach Schleiermacher, aber auch in den Hindu-Religionen und selbstverständlich auch in den Varianten der buddhistischen Religion der Fall ist. Im Neuen Testament haben wir es mit Erzählungen von Erlösung zu tun.

Drei Typen dominieren:

  1. Problemgeschichten (Erzählungen, in denen das Problem überwunden, aber in der Zeit immer wieder aufgebaut wird)
  2.  Dualistische Erzählweisen (Erzählungen, in denen am Anfang, in der Mitte und am Ende jeweils ein kontradiktorischer Gegensatz besteht)
  3. Erfolgsgeschichten (Erzählungen, in denen das am Anfang bestehende Problem durch eine Wende überwunden wird und dann nicht mehr besteht).

Der Ausdruck „Problemgeschichten“ nimmt auf eine bestimmte Weise, das Wort „Problem“ zu verwenden, Bezug:

„Kein Problem!“, „Damit haben wir kein Problem!“, „alles kein Problem!“ – verweist darauf, dass es schwierig wäre, wenn doch ein Problem bestünde oder man ein Problem hätte … Genau darauf nimmt der Ausdruck „Problemgeschichte“ Bezug.

Es gibt ein Problem, hier mit der Erlösung. Komplexe Fassungen des Erlösungsbildes versuchen es mit Problemgeschichten, weil damit einfache, leicht verständliche und beherrschbare „Lösungen“ als irreführend begriffen werden müssen. Die in

diesen Problemgeschichten bildlich ausgedrückte existenzielle Erfahrung ist mithin sehr komplex. ”Problemgeschichten” entfalten in der Regel zunächst drei Schritte.

  1. Darstellung einer negativen Ausgangssituation
  2. Erzählung der Überwindung dieser negativen Ausgangssituation durch eine Erlösungsfigur
  3. Darstellung der gewendeten negativenAusgangssituation.

Dann baut sich in ihnen ein ambivalenter vierter Schritt auf, in dem redundant betont wird, dass die negative Ausgangssituation in der Zeit nur vorübergehend oder nicht bleibend überwunden ist. Das ”Problem” verschwindet daher auch durch ”Erlösung” nicht vollständig, sondern bleibt in der Zeit bestehen, kann gemildert, muss aber stets beachtet und ernstgenommen werden.

Schritt 2 und Schritt 4 sind die am schwersten zu verstehenden Elemente der Problemgeschichten in Erlösungserzählungen.

Schritt 1 und Schritt 3 stehen einander kontradiktorisch gegenüber:

negative Ausgangssituation (z. B. tot sein) und Darstellung der überwundenen negativen Ausgangssituation (lebendig sein)

Grundlegend wird in Erzählungen dieser Art unterstellt, dass man mit menschlicher Kraft nicht von Schritt 1 zu Schritt 3 kommen kann.

Daher bedarf es einer Erlösungsfigur, die diesen Übergang von 1 nach 3 ermöglicht. Sie wird in Schritt 2 dargestellt. Sie muss immer den kontradiktorischen Gegensatz von 1 und 3 repräsentieren, also z. B. muss sie zugleich tot und lebendig sein.

Schritt 4 zeigt die Ambivalenz von Problemgeschichten besonders stark. Denn auch dann, wenn Schritt 3 mithilfe der Erlösungsfigur erreicht wird, kann man in der Tendenz wieder hinter die Überwindung der negativen Ausgangssituation zurückfallen, also z. B. wieder tot sein oder vom Tod stark gefährdet sein.

Abb. 11 Problemgeschte im Neuen Testament

Insbesondere Claude Lévi‐Strauss hat diese Erzählweise analysiert und sie mit (den) „Mythen“ in Verbindung gebracht (Strukturale Anthropologie, 1977 [stw 226]). Das kann hier auf sich beruhen. Wesentlich ist, dass diese Struktur von

Erlösungsgeschichten im NT auftritt. Lévi‐Strauss unterstellte, dass jene Struktur „tragisch“ sei, man entkomme ihr nicht.

Die neutestamentlichen Problemgeschichten stimmen damit überein, dass es in der erfahrbaren Zeit in der Tat eine derartige tragische Struktur des Existierens gibt. Sie unterstellen aber, dass der Grundgegensatz von negativer Ausgangssituation und gewendeter negativer Ausgangssituation nicht schon immer bestanden hat, sondern erst geworden ist (implizit ein Art von Schöpfungsbild).

Und sie fügen hinzu, dass das Schwanken von negativer Ausgangssituation und gewendeter negativer Ausgangssituation nicht für immer bestehen wird (implizit eine Art von Endzeitbild).

Doch die erfahrbare Zeit zwischen den durch das Schöpfungsbild und das Endzeitbild ausgedrückten Zuständen ist durch das Schwanken der Problemgeschichten gekennzeichnet.

Das hat einschneidende Konsequenzen für das Gemeindeverständnis in Problemgeschichten:

Denn die so erzählte Erlösung entzieht sich in der Zeit jedem Triumphalismus, weil im Leben der Gemeinde der Grundgegensatz von negativer Ausgangssituation und gewendeter negativer Ausgangssituation in mancherlei Form wiederkehrt. Daher lässt sich in diesen Konzeptionen kein strikter ”Innen”/”Außen”‐Dual errichten. Die negative Seite des Grundgegensatzes betrifft immer auch diejenigen, die aus einer vordergründigen Perspektive ”innen” zu sein scheinen. Und die „draußen“ Seienden, die nicht zur Gemeinde gehören, müssen nicht unbedingt schlimmer dran

sein als diejenigen, die sich „drinnen“ befinden.

Im NT folgen insbesondere die echten Paulusbriefe, das

Markusevangelium und das Johannesevangelium diesem

Erzählmuster der Problemgeschichten.

2.   Paulus

Paulus war zu Beginn zweifellos derjenige, der am ehesten

eine Perspektive daraus entwickelt hat, was mit dem

Auftreten Jesu von Nazareth möglicherweise geschehen

sein konnte. Jesus von Nazareth wurde nach römischem

und jüdischen Recht verurteilt – und entsprechend

berechtigt gewaltsam getötet.

Gleichwohl schien es Paulus, dass dieser Jesus nicht im Tod

geblieben war. So hatte Paulus, der zunächst die junge

Gemeinde der Jesus‐Anhänger(innen) mit Zwang in den

jüdischen Mainstream zurückbringen wollte, eine Vision des „Aufgestandenen“.

An der Vision sind m. E. keine historischen Zweifel erlaubt,

natürlich aber an ihrer Deutung.

 

Für Paulus jedenfalls bedeutete seine Vision, jenes Bild des gekreuzigten Aufgestandenen, dass er sein Leben ganz ändern muss, um die Formulierung von Wittgenstein aufzunehmen.

Er wurde Missionar für die Nicht‐Juden im Mittelmeerraum.

Inhaltlich war klar, dass der Paulus Erschienene das jüdische und römische Gesetz negiert hatte. Er war zwar formal zu Recht verurteilt worden. Aber durch diese Verurteilung und die gewaltsame Hinrichtung war nicht zuletzt auch die Tora außer Kraft gesetzt:

Christus ist das Ende des Gesetzes. (Röm 10,4)

 

Paulus ging freilich mit dieser Einsicht religiös virtuos um. In der Regel verwendete er das Problemgeschichtenmodell, um seine Erlösungsbilder zu entwerfen. Aber er passte die konkreten Konstellationen der Problemgeschichte den aktuellen Situationen seiner Gemeinden an.

Wenn das Problem des Gesetzes und des Befolgens des Gesetzes im Vordergrund stand, dann hob er im Anschluss an Dtn 30 auf das Thema Segen und Fluch ab.

Christus war vom Gesetz verflucht worden, aber

„er ist für uns zum Fluch geworden“ (Gal 3,13) –

seine gesetzesförmige Hinrichtung hat das Gesetz verflucht und als Heilsweg aufgehoben.

Stand stärker das Moment der Sünde und der Sündenvergebung im Fokus der Aufmerksamkeit, dann konnte er schlicht sagen:

Gott hat Christus für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gerechtigkeit würden (2Kor 5,21).

Wohlgemerkt: nicht zum Sünder, sondern zur Sünde – und „wir“ nicht bloß „gerecht“, sondern „Gerechtigkeit“.

Ebenso kann Christus zur „Torheit für uns“ (1Kor 1,18ff) werden, wenn weise sein, töricht sein usf. als Hauptproblem der Erlösung erscheinen (etwa im Horizont des alexandrinischen Judentums mit seiner auch philosophisch reflektierten Weisheitstradition).

 

Paulus ist also ein Virtuose darin, die negative Seite der Erlösungsfigur zu zeichnen:

[Als ich zu euch kam, habe ich euch] Christus als Gekreuzigten

vor Augen gemalt (Gal 3,1).

Im Problemgeschichtenmodell muss immer in der Erlösungsfigur die negative Ausgangssituation bezeichnet werden. Paulus wählt dazu immer den gewaltsamen Tod Jesu von Nazareth:

Als ich zu euch kam, wollte ich nichts anderes wissen als Jesus – und diesen als Gekreuzigten (1Kor 2,2).

Dieser gewaltsame Tod Jesu von Nazareth wird bei Paulus zeichenhaft negativ gedeutet: als zur Sünde werden, zur Torheit werden, zum Fluch werden.

Doch diese Negativität hat erlösende Funktion: damit wir Gerechtigkeit werden, wir Segen empfangen, wir wahrhaft weise werden.

Allerdings nicht an dieser Negativität vorbei. Man wird nicht bloß durch Weisheit, Gerechtigkeit und Segen weise, gerecht und gesegnet, sondern immer unter Einschluss der Torheit, der Sünde und des Fluches.

Kurzum: die paulinische Erlösungsfigur repräsentiert immer sowohl die diagnostizierte negative Ausgangssituation des Sünderseins, der törichten Lebensweise und des Lebens im Fluch.

 

Für Paulus ist dabei freilich typisch, dass er unterstellt, die Menschen hielten sich selbst für gerecht, für weise und für eher gesegnet. Doch dabei täuschen sie sich. Und deshalb wählt Gott eine absurde Erlösungsfigur:

Für den Juden ein Skandal, für den Griechen eine Torheit (1Kor 1,18ff).

Das Kreuz Christi repräsentiert in seiner gewaltsamen Absurdität immer die von Paulus als negativ diagnostizierte Ausgangssituation bei den jeweiligen Orientierungen (Griechen und Juden z. B.). Daraus erlöst es, weil es vor dem Hintergrund des Aufstehensbildes als heilvoll integriert werden kann: „für uns“…

Paulus ist nicht nur ein Virtuose in der Darstellung der Erlösungsfigur im Problemgeschichtenmodell. Er hat ebenfalls einen Schwerpunkt in der Darstellung des ambivalenten Schrittes 4.

Seine Gemeinden richten sich nicht besonders gut nach dem „Evangelium“, das er ihnen gebracht hat. Sie verfallen der Weisheit der Welt, wollen wieder das Gesetz befolgen und fühlen sich durch die enthusiastischen Wirkungen des Geistes in Zungenrede, Krankenheilungen und Prophezeiungen weltüberlegen. Immer wieder das alte Problem: sich auf die eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen verlassen, auf die eigenen Fähigkeiten vertrauen. Nach Paulus ist das eigentlich vorbei, wenn ein rechtmäßig verurteilter Verbrecher „aufsteht“. Aber es bleibt doch plausibel, wie er einsehen muss. Also schreibt er seine Briefe, um die Gemeinden vor Schritt 4 zu warnen, nicht zuletzt vor der darin steckenden Überheblichkeit gegenüber anderen.

Auch das Schöpfungsbild und das Endzeitbild als Begrenzungen des Problemgeschichtenmodells vergisst Paulus nicht. Ihm zufolge wird „Gott alles in allem sein“ (1Kor 15,28), d. h. der Grundgegensatz von „negativer Ausgangssituation“ und „gewendeter negativer Ausgangssituation“ (die wieder umschlagen kann), besteht nicht mehr.

Und die Problemgeschichtenkonstellation hätte nicht sein müssen.

Mit der Weisheit Salomos (13,1ff) unterstellt Paulus, dass die

Menschen an den Werken der Schöpfung Gott hätten eigentlich

erkennen können. Er denkt an eine abduktive Schlussfolgerung,

einen Schluss vom Kleineren (den Werken) auf den Schöpfer. Er wäre

existenziell engagiert zu wahrer Religion geworden (Röm 1,19ff).

Aber so kam es nicht. Also doch Problemgeschichten …

Abb. 12 Problemgeschichte bei Paulus

 

3.   Markus

 

Die Sturmstillungserzählung bei Mk lebt von dem krassen Gegensatz des im Sturm auf einem Kopfkissen schlafenden Jesus und den von Todesangst geplagten Schülern, deren Boot unterzugehen droht.

„Lehrer, kümmert es dich nicht, dass wir untergehen?“

Eine nachvollziehbare Reaktion? Aus der Sicht des Mk eher nicht. Er lässt Jesus den Sturm stillen, dann aber setzt die harte Kritik Jesu an seinen Schülern ein:

„Was seid ihr [so] furchtsam?

Habt ihr noch kein [existenzbestimmendes] Vertrauen?“

Trotz Sturmstillung geraten die Schüler angesichts dieser Kritik in immer größere Furcht:

Und sie fürchteten sich mit großer Furcht

und sagten zueinander:

„Wer ist dieser, dass sowohl der Wind als auch der See ihm gehorchen?“

Wieso kritisiert Jesus die Schüler angesichts einer an sich doch verständlichen Reaktion?

Was soll der Hinweis auf das „existenzbestimmende Vertrauen“? Worauf sollen sie vertrauen? Und wieso geraten die Schüler in immer größere Furcht?

Der schlafende Jesus im Sturm verkörpert dieses Vertrauen (auf die schöpferische Macht Gottes). Und wenn die Schüler existenzbestimmend vertrauten, ihr ganzes Leben daraufhin wagten, dann könnten sie selbst den Sturm stillen:

„Vertraut auf Gott! … Wer darauf vertraut, dass das, was er sagt,

geschieht, dem wird es zu Teil werden!“ (Mk 11,22f)

Aber wie man an den Schülern exemplarisch sieht, vertrauen die Menschen auch in der nächsten Nähe zu Jesus gerade nicht, sondern sie fürchten sich. Die negative Ausgangssituation im Mkev ist mithin die Furcht. Ihr gegenüber steht als überwundene negative Ausgangssituation das Vertrauen auf Gott, als Teilhabe an der Schöpfermacht Gottes.

Im Evangelium repräsentieren nur sehr wenige Erzählfiguren jenes Vertrauen auf Gott, die blutflüssige Frau (Kap. 5), der blinde Bartimaios (Kap. 10), teilweise die Frauen, die Jesus in Galiläa nachgefolgt sind und nahe am Kreuz stehen (15). Doch auch sie ereilt – wie zuvor schon die geflohenen Schüler – die Furcht. Das alles sind erzählerische Repräsentationen, die in Richtung des ambivalenten Schrittes 4 im Problemgeschichtenmodell gehen. Die vertrauende Nähe zu Jesus schlägt in Furcht um.

 

Jesus selbst steht im Evangelium ganz überwiegend auf der

Vertrauensseite. Aber er könnte im Sinne des Problemgeschichtenmodells keine erlösende Erzählfigur sein, wenn er nicht auch von der Furcht betroffen wäre. Das ist in der Getsemaniszene im Mkev der Fall:

Und er nimmt den Petrus und den Jakobus und den Johannes mit sich und fängt an zu erschrecken und heftig zu zittern. Und er sagt zu ihnen: „Ich bin zu Tode betrübt! Bleibt hier und wacht!“

Während Jesus also Todesfurcht erlebt, sollen die Schüler wachen. Doch ihre Augen werden ihnen schwer – und sie schlafen ein.

Die Getsemaniszene ist narrativ eine raffinierte Umkehrung der Sturmstillungsperikope. Während die Schüler den Schlaf und zumindest als Anspielung das Vertrauen repräsentieren, bezeichnet die Erzählfigur Jesus hier die Furcht.

Daher kann Jesus erzählerisch im Sinne des Problemgeschichtenmodells als Erlösungsfigur im Mkev gelten.

Er repräsentiert das (existenzbestimmende) Vertrauen und die Furcht, mithin negative Ausgangssituation und gewendete negative Ausgangsituation. Die anderen Erzählfiguren repräsentieren in der Regel die Furcht, bestenfalls aber Schritt 4 als Zurückfallen hinter die gewendete negative Ausgangssituation.

Markus entwirft also eine etwas von Paulus abweichende Strategie. An sich scheint es unproblematisch, das Gesetz zu erfüllen:

„Siehe das sind meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes tut, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter!“ (Mk 3,31)

Aber dieses Modell funktioniert nicht, weil die Furcht so tief die Menschen bestimmt, dass es nicht zur Erfüllung des in der Tora repräsentierten Willens Gottes kommt.

Markus vertritt also eine an den Emotionen, griechisch an den Leidenschaften (den pathemata) orientierte Anthropologie.

Diese Leidenschaften sind vor allem auf Vertrauen (pistis) und Furcht (phobos) zentriert. Aus der Furcht erwächst aber vor allem der Herrschaftstrieb. So gelten Mk die Jerusalemer Aristokraten (Priester, Älteste und die meisten der mit ihnen assoziierten Schriftgelehrten) und der Römer Pilatus immer als feige und furchtsam. Sie stehen entsprechend nicht zu Einsichten – und so kommt Jesus gewaltsam zu Tode.

Sieht man genauer zu, dann ist der Gegensatz von Furcht und Vertrauen im Mkev mit einem zweiten Gegensatz hintergründig kombiniert, dem Gegensatz von Macht und Ohnmacht. Dabei gibt es im Machtphänomen eine weitere wichtige Differenzierung: Unterschieden wird zwischen politischer Herrschaft und göttlicher schöpferischer Macht. An letzterer nimmt das Vertrauen Teil. Die erstere tötet Jesus von Nazareth. Allerdings wird er als Menschensohn auf den Wolken des Himmels wiederkommen – und dann auch die Herrschaft des Römischen Reiches beenden (Mk 13,24ff).

Diese Endzeitvision ist wie bei Paulus als gegensatzlos zu verstehen. Wenn der Menschensohn wiederkommt, sind alle Gestirne verloschen, es ist ganz dunkel. Nur er leuchtet. Aber es gibt kein Gegenlicht und kein relevantes Dunkel …

 

Abb. 13 Problemgeschichte bei Markus

4.   Johannes

Hier soll nur vom Johannesevangelium (Johev) die Rede sein. Es ist vielleicht um die Jahrhundertwende vom 1. zum 2. Jahrhundert der Zeitrechnung geschrieben worden. Das bleibt aber sehr unsicher.

Sehr wahrscheinlich kannte der tatsächliche Autor des Textes das Mkev. Jedenfalls steht er ihm narrativ sehr nahe, näher als die beiden klaren Benutzer des Mkev bei Matthäus und Lukas.

Das Johev ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ein relativ später Text. Es verwendet verschiedene Bilderwelten und versucht sie zu integrieren.

Als Modell dient das Problemgeschichtenmodell. In der Regel wird in der Interpretation des Textes vermutet, es handele sich um einen dualistischen Text. Joh verwendet (scheinbar) kontradiktorische Gegensätze wie Licht vs. Finsternis, Fleisch vs. Geist (bzw. Gott), Fleisch vs. Logos (Rede, Wort, Vernunft):

Er (der Logos, die Rede, das Wort, die Vernunft) kam in das Seine. Aber die Seinigen nahmen ihn nicht auf. Denjenigen, die ihn dennoch aufnahmen, gab er die Vollmacht Kinder Gottes zu sein – jene, die an seinen Namen glauben.

Sie sind nicht aus Blut oder aus dem Willen des Fleisches, auch nicht aus dem Willen eines Mannes gezeugt, sondern aus Gott (Joh 1,11-13).

Dass es sich bei der dualistischen Interpretation des Johev um einen groben Missgriff handelt, zeigt aber 1,14:

Und der Logos (die Rede, das Wort, die Vernunft) wurde Fleisch und wohnte unter uns. Und wir sahen seinen Glanz, einen Glanz wie ihn der einzige Sohn von seinem Vater hat, voll Gnade und Wahrheit.

Das „Fleisch“ ist hier als eigenmächtige, sich selbst von der göttlichen Sphäre abschließende Sphäre verstanden:

… die Seinigen nahmen ihn nicht auf.

Doch der göttliche Logos wird Fleisch, nimmt also die Gestalt der negativen Ausgangssituation an.

Insofern stellt das Johev einen besonders deutlichen Fall des Problemgeschichtenmodells dar. Zweifellos ist der religionsgeschichtliche Hintergrund dieses Textes stark durch das alexandrinische Judentum mit seiner Weisheitsauffassung geprägt.

Die „Weisheit“ heißt hier göttlicher Logos, weil die Erlöserfigur des Johev konkret als die Menschen anredend verstanden ist –

„und er wohnte unter uns“.

Dieser Logos wird Fleisch, er nimmt das Fleisch nicht nur an oder erscheint im Fleisch, wie später häufig gesagt wurde. Er wird Fleisch, wie Christus bei Paulus zur Sünde und zum Fluch wird – und sich fürchtet wie bei Markus.

Die Erlösungsfigur ist eine Zeitlang da, dann geht sie wieder zum Vater:

Niemand hat Gott jemals gesehen, der einzige Sohn, der an der Brust des Vaters liegt, der hat ihn ausgelegt … (Joh 1,18)

Der Sohn (bzw. Logos) liegt an der Brust des Vaters, ein sinnliches Bild der Liebe. Und diese himmlische Liebesbeziehung hatte der Sohn ausgelegt, mitgeteilt und offenbart:

Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander lieben sollt,

wie ich euch geliebt habe. (Joh 13,35)

Das Symbol dieser Liebesbeziehung ist der namenlose „Schüler, den Jesus liebte“, der beim letzten Mahl an Jesu Brust liegt – eine symbolische Wiederholung der göttlichen Liebesbeziehung in der himmlischen Welt.

Jesus gibt diese himmlische Liebe in die menschliche Wirklichkeit weiter an seine Schüler und Schülerinnen, symbolisch verdichtet dargestellt durch die Figur des „Schülers, den Jesus liebte“:

Vater… ich habe ihnen deinen Namen offenbart und werde dies weiter tun, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen sei und ich in ihnen (Joh 17, 25f)

Die überwundene negative Ausgangsposition besteht im Johannesevangelium daher in der Himmel und Erde übergreifenden göttlichen Liebe.

Auch für das Johev ist Schritt 4 ganz wesentlich. Die Liebe setzt sich in der Wirklichkeit nicht einfach so durch. Das soll freilich sein:

Nicht nur für diejenigen, die du mir gegeben hast, bitte ich, Vater. Ich bitte auch für diejenigen, die durch ihr Wort glauben, damit alle eins seien, wie du, Vater, in mir bist und ich in dir … (Joh 17,20f)

So können die Schüler von der Traurigkeit der Welt betroffen

werden und sich in der Welt ängstigen. Sie werden gehasst.

Doch es gilt:

In der Welt habt ihr Angst. Aber seid getröstet, ich habe die Welt überwunden – (Joh 16,33)

weil er den Hass der Welt, ihre Traurigkeit am eigenen Leibe am Kreuz gespürt hat.

Damit die Schüler in der Welt ausharren und ihre Liebe untereinander so attraktiv darstellen, dass sich die Liebe weltweit ausbreitet, bedürfen sie eines Schutzes.

Es ist die johanneische Geistfunktion, die dies übernimmt. Es handelt sich um den Geist der Wahrheit, um den Tröster – der vom Vater und vom Sohn ausgeht.

Im Johev ist sie deshalb erforderlich, weil die Schüler sonst in ihrer Liebe wahrscheinlich zu schwach, zu ängstlich und zu traurig wären. Dagegen hilft ihnen der „Tröster“ und er wird sie in „alle Wahrheit führen“ (Joh 16,13).

Neben der „ Bergpredigt“ (Mt 5‐7) ist das Johev der Text mit der deutlichsten Liebesoption. Gott ist himmlische Liebe und seine Verwirklichung auf der Erde besteht in der universalen Liebe aller Menschen.

Dies soll freilich nicht naiv‐enthusiastisch klingen: Alles wird gut! Dafür steht das Problemgeschichtenmodell im Johev. Die Erlösung kommt durch Vermittlung der negativen Ausgangssituation und der gewendeten negativen Ausgangssituation in der Erlösungsfigur zustande. Und die Gegenwart Gottes als Liebe unter den Menschen bleibt immer gefährdet. Daher die Trösterfigur des Geistes der Wahrheit.

Das Problemgeschichtenmodell hat im Johev sicherlich einen gewissen Höhepunkt im NT erreicht: Es geht um eine große Hoffnung auf die Gegenwart Gottes in der Liebe der Menschen untereinander. Aber diese soll nicht naiv‐optimistisch, sondern realistisch dargestellt werden.

Abb. 14 Problemgeschichte bei Johannes

5.   Das Abendmahl im Horizont der Problemgeschichte

Das jetzt Ausgeführte ließe sich auch an Paulus zeigen. Aber Mk 14 ist leichter darstellbar. Das Johev kennt kein Abendmahl als Ritual. An seine Stelle tritt in Joh 13 die Fußwaschung.

Ein Ritual besitzt eine (festgelegte) Handlungsstruktur. Ihre

Bedeutung erfährt die jeweilige Ritualstruktur durch das entsprechende Bildmodell, hier das Problemgeschichtenmodell. Daher gibt es im NT nicht nur eine Auffassung des Abendmahls. Wir beschäftigen uns jetzt mit der Problemgeschichtenauffassung des Abendmahls.

Das Abendmahl kennt in allen neutestamentlichen Texten (1Kor 11, Mk 14, Mt 26, Lk 22) zwölf Sequenzen:

Abb.  15 Die 12 Sequenzen des Abendmahls

Die Sequenzen 6. und 11., in denen Jesus das Brot und den Becher (der synekdochisch für „Wein“ steht) auf „meinen Leib“ und „mein Blut“ deutet, haben die größte

Aufmerksamkeit in der Christentumsgeschichte auf sich gezogen. Man interessierte sich (im Horizont der Substanzontologie bzw. der Substanzmetaphysik) dann für die Substanzen. Doch diese Interpretation geht in die Irre.

Zunächst: warum „Brot“ und „Becher“ (der synekdochisch für „Wein“ steht)? Man muss an den narrativen Kontext kurz vor dem gewaltsamen Tod in Jerusalem denken. Dies gilt auch für Paulus in 1Kor 11 („in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde…“).

Dieser als heilvoll verstandene gewaltsame Tod steht im Zentrum des Abendmahls. Es ist ein gewaltsamer Tod, mithin können nur solche Medien in diesem Ritual verwendet werden, die einen gewaltsamen Transformationsprozess durchlaufen haben – das ist bei Brot und Wein der Fall: Mahlen, Erhitzen beim Backen, Zertreten der Trauben, Gärung bei der Weinherstellung.

Zugleich sind aber beide Medien dem Menschen freundlich und hilfreich, sie spenden Freude, Sättigung usf.

Daher fungieren Brot und Wein (Traubensaft) als ikonische Zeichen für gewaltsamen Tod Jesu und sein Aufstehen.

Die Form der Anrede an die Schüler ist als extravagante Metapher zu verstehen:

Dies ist mein Leib

Dies ist mein Blut (des neuen Testaments), das für viele vergossen wird –

können in der erzählten Situation gar nicht wörtlich genommen werden, sondern man muss hier einen Übertragungsprozess unterstellen: Diese Elemente Brot und Wein stehen in diesem Kontext unseres Mahls für Leib und Blut – sie sind dies nicht substanziell.

Auch die Schüler reagieren ja nicht verwundert, etwa: Falsch bezeichnet! – weil sie das ihnen Vertraute schmecken. Oder: Das schmeckt ja grauenhaft, ich bin doch kein Kannibale oder ein Vampir! – weil sie Fleisch und Blut Jesu zu sich nehmen. Nicht einmal der Außenseiter Judas nahm die Gelegenheit wahr, heftig gegen derartige Absurditäten zu protestieren. Wir nehmen das als semiotisches Indiz, dass sie in den Texten auch gar nicht stehen …

Die zweite große Interpretationslinie geht ebenso in die Irre, sie ist jüngst auch von Peter Lampe subtil wiederholt worden. Sie knüpft an die Formulierung

Dies ist mein Blut des neuen Testaments, das für viele vergossen wird

  1. Da dieser Text unzweifelhaft auf Ex 24 anspielt, glaubt man, das Abendmahl sei ein Opfermahl, man partizipiere zumindest an jener Opfersubstanz des Blutes. Auch hier handelt es sich um eine ungenaue Lektüre, in diesem Fall beider Texte Mk 14 und Ex 24. Dort ist in der Tat von einem Opfer die Rede. Man hat ein Tier geschlachtet. Mose gießt einen Teil des Blutes des geschächteten Tieres in die Becken am Altarrand. Mit dem Rest besprengt er das Volk, um es zu reinigen. So wird es fähig, das schriftliche Testament Gottes, das Bundesbuch entgegenzunehmen.

Mit den letzten Bemerkungen sind wir zu einer tieferen Deutung im Sinne des Problemgeschichtenmodells übergegangen. Der gewaltsame Tod Jesu gehört ja zur negativen Ausgangssituation im Sinne der markinischen Erzählweise. Er ist durch die gewaltsamen Transformationsprozesse von Getreide und Trauben zu Brot und Wein ikonisch bezeichnet.

Aber dieser Tod ist auch als heilvoll verstanden und so muss auch die gewendete negative Ausgangssituation im Ritual präsentiert sein. Dafür stehen ikonisch die Leben und Freude spendenden Fähigkeiten von Brot und Wein.

Abb. 16 Brot und Wein als ikonische Zeichen

In der markinischen Erzählung zeigt das Verteilen der Stücke des gebrochenen Brotes an die Schüler ebenso wie das gemeinsame Trinken aus dem gereichten Becher, dass das Ritual als Gemeinschaftsritual der am aufgeweckten Gekreuzigten orientierten Vertrauenden gelten muss.

Darin besteht freilich auch die ganz und gar nicht harmlose Botschaft dieses Mahls. Nachdem man derart gegessen und getrunken hatte, wurde Jesus verhaftet – und alle Schüler flohen, weil sie sich fürchteten. Das Mahl hatte sie jedenfalls nicht gegen die Furcht immunisiert oder ihnen eine höhere geistliche Substanz eingeflößt. Das betritt im Übrigen nach Mk eben nicht nur Judas, wenn auch ihn in besonderem Maße, weil er Jesus an den Oberpriester ausgeliefert hat:

Und während sie saßen und aßen, sagte Jesus:…

„Einer von euch wird mich ausliefern, einer, der mit mir isst!“

Sie begannen betrübt zu werden und zueinander zu sagen:

„Doch nicht ich?“

Keiner von ihnen konnte also diese Tat für sich ausschließen, Judas vollzog sie tatsächlich, dafür flohen alle andere aus Furcht …

Das Abendmahl ist nach Mk also das Mahl derjenigen, die Jesus hätten ausliefern können und schließlich furchtsam geflohen sind.

Schritt 4 hat sich also wieder aufgebaut. Die Erlösung ist vollzogen, gleichwohl fallen die Erlösten immer wieder hinter sich zurück. An diese fortwährende Gefährdung erinnert das Abendmahl mithin im Problemgeschichtenmodell. Es geht auch um die Stärkung der so Gefährdeten in einem Gemeinschaftsmahl. Aber Mann oder Frau ist nur gestärkt, wenn sie oder er wissen, dass man mit seiner oder ihrer negativen Ausgangssituation immer erneut rechnen muss. Nur so lässt sich aus der Sicht des Problemgeschichtenmodells realistisch eine Gemeinde aufbauen.

Darauf verweist auch der Ausblick auf die Endzeit in Sequenz 12 des Abendmahls. Jesus will vom Produkt des Weinstocks erst wieder im endzeitlichen Freudenmahl trinken. Dann ist aller Widerspruch dahin. Bis dahin erinnert das Abendmahl aber an das fortwährende „tragische“ Spiel von Schritt 1 bis 4, das ein realistisches religiöses Bild des Lebens darzustellen versucht.

Wie das jüdische Paschamahl ist das Abendmahl ein Übergangsritual. Da es in Sequenz 12 eine eschatologische Pointe aufweist, muss es in der Zeit als permanentes Übergangsritual verstanden werden.

Mit Victor Turner (The Ritual Process: Structure and Anti‐Structure,

1995) ist auch hier zu unterstellen, dass (viele) Rituale strukturell Gegenwelten zur als fragil und problematisch erlebten Alltagswelt entwerfen – hier im Sinne des Problemgeschichtenmodells.

Ob man soweit gehen muss wie Gerd Theißen, entsprechend von „symbolischem Kannibalismus“ zu sprechen, erscheint mir fraglich. Denn im Abendmahl wird ikonisch die Tötung Jesu dargestellt, die im Alltag nicht geschehen solle – und doch geschieht, darauf verweisen die Deuteworte. Auf die Verspeisung Jesu von Nazareth verweisen sie m. E. auch symbolisch nicht …

 

Das Problemgeschichtenmodell befindet sich also nicht nur in der markinischen Erzählung, sondern dem Anspruch nach auch in den Sequenzen des Rituals.

Aus heutiger Sicht kann dies semiotisch so rekonstruiert werden, dass sprachliche und schriftliche, aber auch gustatorische Zeichen über das Zentrale Nervensystem vermittelt zu gespeicherten motorischen Sequenzen werden können – und so auf andere Weise dem Leib eingeschrieben werden.

6. Rückfragen

  1. Zu dem Unterschied zwischen Paulus und den Deuteropaulinen vgl. ὡσεὶ ἐκ νεκρῶν ζῶντας (Röm 6,13 [hosei ek nekron zontas (wie als Lebendige aus den Toten, vgl. auch Röm 6,8)]) mit Eph 2,6: καὶ συνήγειρεν καὶ συνεκάθισεν ἐν τοῖς ἐπουρανίοις ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ (kai synegeiren und synekathisen entois epouaniois en Christo Iesou [und uns mit aufgeweckt und in den Himmeln platziert hat mit Christus Jesus]). Es ist klar, dass das nur ein kleiner Unterschied zu sein scheint, aber nach dem Eph ist die Erlösung ganz präsent – aber nach Paulus erst in der Endzeit ganz. Und das hat jetzt ein anderes Existenzverständnis zur Folge, nicht völlig weltüberlegen und im Himmel lebend. M. E. genügt es nicht, dass mit unterschiedlichen Eschatologiekonzepten zu interpretieren, sondern es sind verschiedene Erzählkonzepte, im Eph eine Erfolgsgeschichte. In der Paulusbriefsammlung gilt das Modell der Problemgeschichten nur in den echten Paulusbriefen.
  2. Das Problemgeschichtenmodell setzt die Erlösung also dort an, wo alle Gegensätze aufgehoben sind, nach neuerer Begrifflichkeit also ein Allerlösungskonzept (Christine Janowski), was ich für Paulus, Markus und Johannes behaupte.
  3. Erzählerisch gehört der Geist der Wahrheit zu der Phase, in der die Schüler/innen Angst in der Welt haben – und tröstet. Jesus ist abwesend, liegt an der Brust des Vaters. Ich würde meine Grafik so lassen. Logisch-semiotisch liegt das daran, dass Liebe eine dyadische (zweistellige) Relation ist: „Jemand liebt jemanden“, wobei die Zahl der Einsetzungen für „jemanden“ unerheblich für die relationale Struktur ist. Mithin: Ob die Trinitätslehre das lösen kann, weiß ich nicht, m. E. nur durch Addition mehrerer zweistelliger Relationen, worin exakt das johanneische Sprechen von Liebe besteht.. In der Sache ist es vielleicht ratsam, dass über dyadische Relationen zu konzipieren, weil dadurch die Konkretheit der Liebe gut erfasst werden kann, es geht immer um bestimmte Menschen.
22. Juni 2016

Veranstaltungen in Darmstadt

 

2. Bergpredigt

Wir nahmen die Passagen nach 7,6 zur Kenntnis und schlossen die Lektüre ab. Ab der nächsten Sitzung wenden wir uns einigen Texten noch einmal verstärkt zu. Die Diskussion war sehr intensiv – und das zeigte, dass der Text bei den Teilnehmer/inne/n etwas auslöst und zur Stellungnahme animiert.

7,7ff erkannten wir als ein weiteres Beispiel für Schöpfungsvertrauen, wie er bei den Lilien und den Vögeln vorliegt. (more…)